Bündnissolidarität

Es gibt hier schon länger Gerüchte über Vorgänge bei der Kriegführung der Alliierten, die mit einer Solidarität innerhalb eines Bündnisses nicht vereinbar sind. So habe ich aus sehr verschiedenen Quellen über Waffenlieferungen an die Taliban durch afghanische Regierungstruppen, durch die Polizei und – durch die Amerikaner – gehört. Sogar von Waffenlieferungen der Amerikaner an die pakistanischen Taliban wurde berichtet.  In den afghanischen Medien wird offen damit umgegangen. Im Fernsehen erzählen afghanische Sicherheitsleute, dass die Taliban insgesamt schwächer würden, allerdings versorgten die Amerikaner die Taliban mit Geld und Waffen. Das Fernsehen zeigte auch die Ankunft einer Waffenlieferung der afghanischen Polizei bei Taliban in Baghlan – angeblich mit verdeckter Kamera aufgenommen. Manche, die dergleichen beobachteten, dürften richtig gesehen, aber die falschen Schlüsse gezogen haben. Die USA halten sich nämlich „eigene Taliban“, also wie Taliban aufgemachte Krieger, die aber gegen die „echten Taliban“ kämpfen. Und die müssen auch versorgt werden. Ich versuche mir vergebens vorzustellen, wie sich die USA ein Bild über das Wirken dieser Kampfgefährten verschaffen. Aber viele US-Waffenlieferungen dürften durchaus an echte Taliban gegangen sein. Afghanen berichteten von Beschwerden kanadischer Soldaten, die zusammen mit Amerikanern im Süden stationiert sind. Die Kanadier würden beschossen, wenn sie noch keine 500 m aus dem Stützpunkt gefahren seien. Dagegen hätten US-Soldaten keine Feindberührung, auch wenn sie Ausflüge von 15 km und mehr machten.

In Dascht-e-Bakla bei Farah, also ganz im Westen Afghanistans, hatten die USA schon vor Jahren den Bau einer großen Luftwaffenbasis begonnen. Um in dieser unruhigen Gegend ein solches Großvorhaben durchzuzuiehen, muss man sich mit den regionalen Unruhestiftern arrangieren. Scheinbar gelang das ganz gut. Nach einiger Zeit hörte man davon, dass die Iraner den Taliban Geld und Waffen schickten, damit die gegen die Amerikaner kämpften. Was denn? Die Iraner den Taliban? Die hassen sich doch inbrünstig. Die einen sind Schiiten, die anderen Sunniten. Aber in Dascht-e-Bakla reimte sich das sehr wohl zusammen. Gegen wen war wohl der Luftwaffenstützpunkt gerichtet? Na eben!

Die Führung alliierter Truppen war niemals einfach. Man findet viele Beispiele in der Geschichte. Ein Truppenkommandeur hat die Pflicht, seine eigenen Leute soweit es geht zu schützen. Das kann durchaus auf das Konto von anderen Teilen der eigenen Truppen gehen. Wenn diese anderen Teile sogar aus Truppen anderer Nationen bestehen, sind die Kommandeure überhaupt nicht mehr zimperlich beim Schutz ihrer Leute. Da werden schon mal regionale Abmachungen mit dem Feind geschlossen: Wenn ihr Ruhe haltet, bekommt ihr Waffen von uns – ihr könnt ja damit auf die Kanadier schießen. Aber uns müsst ihr verschonen.

Die Gerüchte besagten bald auch, dass die Briten die gleichen Kuhhändel betrieben wie die Amerikaner. Nach Afghanistan waren sie unter Tony Blair gekommen um der US-Regierung Bush zu zeigen, dass sie die besten „Atlantiker“ in der NATO sind. Sie waren auch schnell bereit, das vollkommen unangemessene Vorgehen der US-Soldaten zu kopieren.

Die Mentalität der britischen Streitkräfte ist von der kolonialen Geschichte ihres Landes und von zwei Weltkriegen geprägt. In Afghanistan haben die Briten die schlimmsten Niederlagen ihrer Kolonialgeschichte bezogen. So etwas prägt das Denken des britischen Militärs bis heute stark. Auch die Afghanen haben ein starkes historisches Gedächtnis. So begegnen sich britische Soldaten und Afghanen mit bestenfalls gemischten Gefühlen. Wenn dann noch die deutschen Soldaten bei den Afghanen weit beliebter sind als die Engländer, so trifft das auf das andere Trauma aus der Vergangenheit der britischen Armee, die Weltkriege. Die defensive Strategie der ISAF, als sie noch frei von US-Truppen war und die Situation in Afghanistan erfolgreich stabilisierte, gefiel den Briten nicht. Wenn es irgendwie möglich war, stellen sie das Verhalten der ISAF als feige hin, am liebsten natürlich das der ungeliebten Deutschen.

Was ich vor einigen Monaten hörte, kam mir dann doch recht abenteuerlich vor. Ich beschloss, es nicht weiter zu geben: Die Amerikaner oder die Engländer beförderten mit Hubschraubern Taliban, darunter auch tschetschenische Krieger, aus der umkämpften Hilmend-Provinz im Süden nach Nordafghanistan, besonders nach Kundus. Dort sollten sie den deutschen Truppen, die lange in Nordafghanistan recht friedlich gelebt hatten, Schwierigkeiten bereiten und taten es dann auch.

Zu den Tschetschenen muss man einiges erklären: Das alte Taliban-Regime, das 2001 gestürzt worden war, war stark vom pakistanischen Geheimdienst ISI unterstützt worden. Der hatte Islamisten aus aller Welt nach Afghanistan gebracht, damit sie die Taliban gegen ihre innerafghanischen Widersacher unterstützten. Insbesondere waren auch Tschetschenen nach Afghanistan geholt worden, die sich in ihrer Heimat nicht gegen die Russen halten konnten. Diese Tschetschenen waren 2001 mit den Taliban nach Pakistan geflohen und lebten dort im Grenzgebiet zu Afghanistan. Auf die Dauer waren diese Fremden den pakistanischen Paschtunen dieser Gegend lästig. Vielerorts bekämpfte sie die lokale Bevölkerung mit dem Ziel der Ausrottung. Da bot sich der neuen Taliban-Bewegung die willkommene Gelegenheit, die Tschetschenen wieder nach Afghanistan zu holen, um dort die Amerikaner und die afghanischen Regierungstruppen zu bekämpfen. Einen Teil von denen scheint es nun also in den Norden Afghanistans verschlagen zu haben.

Die Tschetschenen dürften dabei nur ein auffälliges Attribut dieser Hubschauberverschickung sein. Das Gros der transportierten Kämpfer sind Paschtunen. Sie wurden von den lokalen Paschtunen aufgenommen, die in Nordafghanistan in Minderheitsenklaven leben. Die relativ starke paschtunische Minderheit in Kundus hatte sich schon für die alte Taliban-Bewegung sehr eingesetzt und wesentlich dazu beigetragen, dass die Taliban den größten Teil Nordafghanistans erobern konnten. Sie war auch gegen die Bundeswehr aktiv geworden, besonders allerdings in den letzten Monaten.

Es ließ sich nicht von der Hand weisen, dass sich die Probleme der Bundeswehr im Raum Kundus vergrößerten. Es wurde aber aus ganz Nordafghanistan berichtet, dass sich die Sicherheitslage deutlich verschlechtert habe. Die Besucherzahlen der Lepco-Kliniken in Masar-e-Scharif gingen zurück. Es kamen nur noch Patienten aus der Stadt in die Kliniken. Aus der weiteren Umgebung wagten sich kaum noch Menschen nach Masar zu reisen.

Diese ganze Geschichte ist für die NATO so ungeheuerlich, dass ich sie nicht weitergeben wollte. Nicht, weil ich sie für falsch hielt. Wer diesen Krieg etwas beobachtet, wundert sich über vieles nicht mehr. Aber in Deutschland hätte man mir die Glaubwürdigkeit abgesprochen. Und ehrlich gesagt, ich hatte über diese Transporte nur von einer Person sprechen hören. Zwar kann man an meine Rundbriefe nicht die Ansprüche stellen, wie an die Meldungen seriöser Medien. Aber für die Ungeheuerlichkeit, um die es da geht, war mir die Informationsdichte einfach zu dünn. Nun berichte ich aber doch darüber. Warum?

Am 11.10. hielt der afghanische Staatspräsident Hamid Karzai im Fernsehen eine Rede, in der er mitteilte, dass seine Regierung weiß, dass Hubschrauber eines anderen Landes fünf Monate lang Talibankämpfer aus Hilmend nach Kundus transportiert haben. Die afghanische Nation traute ihren Ohren nicht. Nicht dass das niemand glauben wollte. Im Gegenteil. Es zeigte sich, dass die Vorgänge doch allgemein bekannt waren. Man wunderte sich nur darüber, dass Karzai darüber im Fernsehen sprach.

Sofort wurden Fragen gestellt: Warum wird erst jetzt darüber berichtet, wenn dergleichen schon seit fünf Monaten läuft? Welches Land hat die Hubschrauber gestellt? Gestern am 14.10. musste der Verteidigungsminister dazu im Parlament Stellung nehmen. Er tat das professionell: Nein, man habe die Lage überall sicher im Griff. Zu Einzelheiten könne er sich öffentlich nicht äußern. Die unterlägen der militärischen Geheimhaltung.

Offen bleibt die Frage nach der Nationalität der Hubschrauber. In Hilmend sind vor allem Briten stationiert. Aber solche Flüge quer durch Afghanistan sind ohne das Einverständnis der Amerikaner nicht durchführbar, denn die überwachen den Luftraum.

Offen bleibt auch die Frage, warum Karzai sich zu dieser Einlassung hat hinreißen lassen. Die Stimmen für die Präsidentschaftswahl sind ausgezählt. Für Karzai haben angeblich 54% gestimmt. Es hat fraglos erheblichen Betrug gegeben. Korrekte Wahlen sind hier ohnehin nicht möglich. Der Kandidat mit den zweitmeisten Stimmen, Dr. Abdullah Abdullah, der Kampfgefährte von Ahmad Schah Massud und ehemalige Außenminister gibt sich konziliant. Das bedeutet wohl, dass man ihm bereits einen einflussreichen Posten zugesagt hat. Und so könnte dieser Wahlvorgang eigentlich ein ruhiges Ende finden. Angesichts der schwachen Attraktivität der Gegenkandidaten wird sich die Bevölkerung mit Karzai abfinden. Unter den Blinden ist der Einäugige König.

Die Einlassung Karzais lässt sich aber nur als Verzweiflungstat verstehen. Rationalität ist dahinter nicht erkennbar. Es kann sein, dass die USA versuchen wollen, Karzai auszuwechseln. Wahrscheinlich würden sie sich dann auf den Verlauf der Wahlen berufen. Sie haben gerade den Exil-Afghanen Zalmai Khalilzad hergeschickt. Dieser Mann war schon einmal als Königsmacher tätig. Bei der Bestimmung des afghanischen provisorischen Staatspräsidenten durch eine traditionelle Stammesversammlung 2002 hielt er sich als US-Sonderbotschafter in Afghanistan auf. In einer Pressekonferenz zu Beginn dieser Versammlung rempelte er den Ex-König Zaher Schah aus dem Rennen um das hohe Amt, indem er behauptete, Zaher Schah habe beschlossen, keinen Posten im Staat anzustreben. Zaher Schah wusste nichts von diesem seinen Entschluss, war aber damit als Politiker erledigt. So kamen die USA damals zu einem provisorischen afghanischen Präsidenten und dann auch Präsidenten Hamid Karzai, der ihnen hilflos ausgeliefert war. Ein Präsident Zaher Schah und seine Familie hätten dagegen das Vertrauen der Paschtunen gewinnen können, was das Aufleben des Taliban-Aufstandes möglicherweise verhindert hätte.

Khalilzad hatte vor seinem Einsatz in Afghanistan im Ölgeschäft in den USA gearbeitet, wurde dann unter Präsident Bush Sicherheitsberater und dann Sonderbotschafter in Afghanistan und schließlich Botschafter in Kabul und Bagdad und zum Schluss in New York bei den Vereinten Nationen. Man sollte meinen, dass dieser undurchsichtige Mann nur unter dem Präsidenten Bush eine solche Karriere machen konnte. Durch irgendeine positive Leistung ist er in dieser Zeit nie aufgefallen. Jetzt ist er wieder in Afghanistan eingetroffen und verkündet, dass er persönlich kein Amt in Afghanistan anstrebt. Er wolle nur als afghanischer Patriot die Regierungsbildung moderieren helfen. Vielleicht erklärt das den Panik-Anfall von Hamid Karzai. Einen Außenstehenden erschreckt das dürftige Personal, das die US-Administration für diese Weltgegend aufzubieten hat, und der nahtlose Übergang von Bush auf Obama.

Peter Schwittek (Kabul, 15.10.2009)