Tolle Ergebnisse

Die UNO ist für die Vorbereitung und Durchführung der Präsidentschaftswahlen in Afghanistan verantwortlich. Vor wenigen Tagen verbreitete die "Deutsche Welle" in ihren Nachrichten eine Pressemeldung der UNO: Die Registrierung der Wähler sei abgeschlossen. Von den 10,5 Millionen Wahlberechtigten hätten sich 9,9 Millionen registrieren lassen, weit mehr als man erwartet habe. 42 % der registrierten Wahlberechtigten seien Frauen. Vermutlich meldeten andere öffentlich rechtliche Anstalten diesen UN-Erfolg ebenfalls. Doch wehe ein Lehrer der sechsten Klasse vergreift sich an diesen Zahlen, um seine Schüler die Prozentrechnung üben zu lassen! Die Kinder könnten viel dabei lernen.

In fast allen Ländern der Welt gibt es mehr Frauen als Männer, vor allem in den älteren Jahrgängen. Zuverlässige Statistiken über Afghanistan existieren nicht. Die Lebensumstände begünstigen hier eher die Männer. Andrerseits hat der lange Krieg besonders die männliche Bevölkerung der mittleren Jahrgänge dezimiert. Insgesamt dürfte es höchstens so viele wahlberechtigte Männer wie Frauen geben. Demnach rechnen unsere Sechstklässler mit höchstens 5,25 Millionen wahlberechtigten Männern. 58 % der 9,9 Millionen registrierten Afghanen waren Männer. Das sind 5,742 Millionen, also etwa eine halbe Million mehr als wahlberechtigt sind. Und schon haben unsere Sextaner nicht nur eine Rechenaufgabe gelöst, sondern auch herausgefunden, daß die UNO lügt. Und was sollen die Kleinen von den öffentlich rechtlichen Anstalten halten, die die Falschmeldung beflissen herausgeblökt haben? Diesen Schafen werden sie in Zukunft hoffentlich gründlich mißtrauen.

Wer in Afghanistan lebt, weiß, daß die Präsidentschaftswahl ein jämmerliches Schmierentheater ist. Täglich erzählten Kollegen und Freunde kopfschüttelnd, wie Wahlberechtigte registriert wurden. Unser Fahrer wurde in einem ländlichen Ort gefragt, ob er sich nicht als Einheimischer für die Wahl registrieren lassen wolle. Er zögerte nicht lange und behauptete, aus einem nahen Tal zu kommen. Als er gefragt wurde, in welchem Dorf er wohne, wußte er nicht weiter und gab zu, in Kabul zu leben. "Macht nichts." sagte der Registrierer. "Trag Dich hier ein! Ich stelle Dir einen Wahlausweis aus." Den Registrierer kann man verstehen. Er bekommt von der UNO Kopfprämien für jeden, den er registriert – egal wie oft der andere schon registriert wurde. Für Frauen gibt es erheblich mehr als für Männer. Es lohnt sich für die Wahlhelfer, registrierte Frauen an ihrer eigenen Kopfprämie zu beteiligen. Einige unserer Mitarbeiterinnen waren neulich Gäste auf einer Hochzeit. Dort trat der Brautvater als Wahlhelfer auf. Er beschenkte alle Frauen mit einem Buch, erzählte etwas von der Wahl und bat die Damen, sich ins Wählerverzeichnis einzutragen. Hinterher beklagten sich unsere Kolleginnen bitter, wie schlecht sie dabei weggekommen seien: Nur ein Buch – das sei höchstens 100 Afghani wert. Mindestens 1000 Afghani hätte der Gastgeber rausrücken müssen. Für 1000 Afghani muß ein Lehrer zehn Tage lang arbeiten. Unsere Damen kennen den Wert ihrer Registrierung von ihren vorangegangenen Registrierungen. Ein Kollege hat sogar über zehn Wahlpässe. Es machte ihm Spaß. Außerdem hofft er, daß er seine vielen Wahlpässe noch einmal verwerten kann. Schließlich braucht jeder Präsidentschaftskandidat eine bestimmte Anzahl von Registrierten, die seine Kandidatur stützen. Einwohnerregister gibt es nicht. Mehrfachregistrierungen zur Wahl waren kaum zu verhindern. Außerdem waren weder die Registrierten, noch die Wahlhelfer, noch die UN daran interessiert, Mehrfachregistrierungen zu unterbinden.

Allerdings gibt es Kreise, die die ganze Wahl nicht wollen. Die Taliban-Bewegung kämpft wütend dagegen an. Eine Anzahl von Wahlhelfern sind von Taliban-Anhängern umgebracht worden. Dank des plumpen und brutalen Vorgehens des amerikanischen Militärs sind die Taliban im Süden und Osten Afghanistans wieder stark geworden. In weiten Teilen des Landes konnte sich niemand registrieren lassen. Schon etwas südlich von Kabul fanden Wahlhelfer keinen Arbeitsplatz, um Wählerausweise auszustellen. Normalerweise wird dergleichen in Moscheen erledigt. Doch die Imame baten die Registrierer höflich, weiter zu ziehen. Sie wollten nicht, daß man ihnen Granaten ins Gotteshaus wirft. Auch diese Bedingungen entlarven die Registrierung von 94 % aller Wahlberechtigten, mit denen die UNO prahlt, als Lüge.

Andere afghanische Bürger lehnen es ab, sich registrieren zu lassen, ohne daß sie Anhänger der Taliban oder Feinde der Demokratie wären. Die gehen davon aus, daß der Übergangspräsident Karzai auch nach der Wahl Präsident sein wird. Karzai ist der Mann der Amerikaner. Und die werden dafür sorgen, daß die UN das Wahlergebnis so manipulieren, daß Karzai Präsident bleibt. Diese "Wahlen" werden die Legitimität des Präsidenten Karzai im Ausland festigen, obwohl ihn die Afghanen nicht wollen. Mit diesem zynischen Spiel wollen solche Verweigerer nichts zu tun haben. Die Tatsache, daß die meisten Ausländer glauben werden, die Mehrheit der Afghanen wolle Karzai als Präsidenten, wird diesen bei seinen Landsleuten nicht beliebter machen. Für sie wird er einer sein, den Fremde an die Macht manipuliert haben. Wahlen werden für die afghanische Bevölkerung in Zukunft ein öffentlicher Betrug sein. Mit dem Willen des Volkes haben sie nichts zu tun. Kaum ein Afghane wird die Demokratie noch für eine wünschenswerte Staatsform halten.

Daß die UN das, wofür sie formal verantwortlich sind, als Erfolg darstellen wollen, ist verständlich. Erschreckend ist die Unverfrorenheit mit der sie dabei mit den Fakten umgehen. Für Entwicklungshelfer ist auch das keine Überraschung. Die erleben immer wieder, wie die UN und ihre Unterorganisationen ihre unglaublich teuren aber äußerst kläglichen Leistungen schönlügen.

Doch was veranlaßt Rundfunkanstalten dazu, solche Tartaren-Meldungen kritiklos zu veröffentlichen? Die Medien haben der Öffentlichkeit ein Bild von Afghanistan vermittelt, das sich nicht von dem des Irak unterscheidet. Dieses Bild ist unzutreffend. Doch genauso falsch ist das schöne Bild des demokratischen Aufbruchs in Afghanistan. Wer braucht diese falschen Bilder? Der amerikanische Präsident benötigt sie dringend. Bis zur Wahl im eigenen Land muß er seinen Mitbürgern vorgaukeln, daß seine Interventionspolitik letztlich doch zu erfreulichen Ergebnissen führt. Die Amerikaner sollen wenigstens bis zur Wahl glauben, daß man in Afghanistan und letztlich auch im Irak auf dem richtigen Weg sei. Unser Bundeskanzler hat die eigene Wiederwahl dem Verheizen deutscher Soldaten im Irak vorgezogen. Deutschland fiel deshalb beim US-Präsidenten in Ungnade. Seitdem ist es parteiübergreifend oberste Maxime deutscher Außenpolitik, den US-Präsidenten zu beschwichtigen. Öffentliche Zweifel deutscher Medien an der demokratischen Entwicklung Afghanistans kämen da recht ungelegen.

Peter Schwittek (18.08.2004)