Irak – und jetzt Afghanistan?

George W. Bushs Neuordnung des Orients ist gescheitert. Der amerikanische Wähler hat ihm das in den Congress-Wahlen bescheinigt. Die USA wüßten jetzt gerne, wie sie sich nur mit einem blauen Auge aus dem Schlamassel verdrücken können. Der Irak muß sehen, wie er zurecht kommt. Vermutlich ist er selber Schuld. Und Afghanistan?

Nichts wie weg hier! Noch sind die Zahlen der Menschenopfer erträglich. Es wird hier sicher noch schlimmer kommen. In der letzten Zeit sind große Teile des Landes in die Hände der Taliban und von Al Qaida gefallen. Soll man warten, bis unsere Soldaten unter Feuer geraten, wie die Briten im Süden und bis unsere zivilen Helfer überall nur noch in militärisch befestigten Unterkünften leben können, wie in Kandahar?

Solche Gedanken dürften dem Bürger durch den Kopf gehen, der sich über Afghanistan regelmäßig in den deutschen Medien informiert. Aber die Medien-Konsumenten, auch die der „seriösen“ Presse, sehen manches schief.

Die von den Paschtunen bewohnten Teile Afghanistans sind nicht erst in der letzten Zeit unter den Einfluß der Taliban geraten. Sie sind es schon lange. Doch über die Siedlungsgebiete der Paschtunen hinaus hat sich der Einfluß dieser Bewegung nicht ausgedehnt. Und es ist unwahrscheinlich, daß sich das ändert. Die anderen Völker Afghanistans haben kein Interesse daran, von den Taliban regiert zu werden.

Ja, und Al Qaida? Das ist eine gute Frage. Gibt es diese Bewegung überhaupt in Afghanistan? Vor zwei Monaten meldeten die US-Truppen die Liquidierung von sechs Al-Qaida-Terroristen im Osten des Landes. Der zuständige Bezirksgouverneur kommentierte, daß es sich um eine harmlose Bauernfamilie gehandelt habe.

Sicher werden die Taliban von radikalen Arabern unterstützt. Vor allem die Selbstmordanschläge, die es während des Fastenmonats verstärkt gegeben hat, mußten finanziert werden. Vielleicht gibt es Palästinenser, die über die Situation ihres Volkes und über die „technischen Fehler“ der Israelis so wütend und verzweifelt sind, daß sie keinen Sinn mehr im Leben sehen und gleich einige von denen mit ins Jenseits nehmen möchten, die ihrer Meinung nach Schuld an diesem Unglück sind. Aber die Selbstmordattentäter in Afghanistan sind meist keine Afghanen. Was treibt einen Bangladeschi oder Pakistaner dazu, sich neben einem Bus des afghanischen Innenministeriums in die Luft zu sprengen und so einige Beamten und Passanten zu töten? Vermutlich sah auch dieser Mensch nicht mehr viel Sinn in seinem Leben. Die wirtschaftlichen Perspektiven waren trostlos. Wahrscheinlich hat ihn ein beredter Prediger davon überzeugen können, daß es dem Islam diene, wenn er sich am richtigen Ort aus dem Leben bombt. Vor allem wird man seiner Familie ein kleines Vermögen versprochen haben. Umsonst kommt kein Ausländer nach Kabul, um sich hier umzubringen.

Solche Selbstmordmorde kosten etwas. Die afghanischen Taliban finanzieren sie gewiß nicht selber. In Afghanistan werden diese Anschläge von einem menschenverachtenden internationalen Konzern finanziert und organisiert. Und vermutlich haben die meisten afghanischen Taliban mit Selbstmordmorden ihre Probleme. Ein Selbstmord führt nach traditionellem islamischen Verständnis unweigerlich in die Hölle. Aber solche Anschläge haben ihre Wirkung. Ohne sie spielte die Taliban-Bewegung nur eine untergeordnete Rolle im Bewußtsein der nicht-paschtunischen Bevölkerung Afghanistans. Selbstmordmorde in Kabul werden sogar von der Weltöffentlichkeit wahrgenommen.

Außer durch Kampfhandlungen im Süden und Osten Afghanistans und durch Selbstmordanschläge „kommuniziert“ die heutige Talibanbewegung hauptsächlich über pakistanische Kanäle mit der Welt. Da werden immer wieder Faxe bestimmter Taliban-Führer den immer gleichen pakistanischen Zeitungen zugespielt. Die Namen, die dabei genannt werden, kennt man meist schon aus dem Krieg der afghanischen Mudschaheddin gegen die Kommunisten. Damals waren Kriegsverbrecher wie Gulbuddin Hekmatyar oder Jalaluddin Haqqani als direkt von Pakistan abhängig bekannt. Jetzt werden sie als führende Taliban in den Vordergrund geschoben. Und wieder stellt sich die Frage, was die afghanischen Taliban mit Pakistan gemein haben.

Der Ausdruck „Pakistan“ führt in die Irre. Früher konnte man sich Pakistan als einen Geheimdienst vorstellen, der ein Land besitzt. Die offizielle Regierung Pakistans hatte keinen Einfluß auf den Geheimdienst. Der Geheimdienst selbst war schon immer oligarchisch geführt. Da gibt es die in militärischen Kategorien denkende Partei, deren Phantasie auf die Auseinandersetzung mit dem Erbfeind Indien fixiert ist. Für sie ist die Beherrschung Afghanistans wichtig, weil dadurch „strategische Tiefe“ gewonnen wird: Pakistan allein könnten die Inder durch einen kräftigen militärischen Vorstoß in mehrere Teile trennen und so besiegen. Beherrschen die Pakistaner Afghanistan, kann sich das pakistanische Militär vor den Indern weit nach Afghanistan zurückziehen und dann einen Gegenschlag führen. Afghanistan hat seine Grenze zu Pakistan nie offiziell anerkannt. Es erhebt Anspruch auf die von Paschtunen bewohnten Gebiete Pakistans. Eine andere Partei des pakistanischen Geheimdienstes hält es daher für am besten, Afghanistan auf einem möglichst niedrigen zivilisatorischen Niveau verharren zu lassen, um es unfähig zu machen, Pakistan zu belästigen. Ein permanenter Bürgerkrieg in Afghanistan würde diesem Ziel am besten dienen.

Inzwischen ist in Pakistan eine islamistische Bewegung entstanden, die das Modell eines Geheimdienstes mit Land zu einfach erscheinen läßt. Diese islamische Bewegung hat sich politisch in Parteien von teils unglaublicher Primitivität manifestiert. Diese Parteien stellen die Regierung in zwei der vier pakistanischen Provinzen. Die islamistische Bewegung hat aber auch den Geheimdienst erfaßt, so daß dieser teilweise zu einem Instrument der Islamisten geworden ist. Für Afghanistan schweben den verschiedenen Gruppierungen des Geheimdienstes Zielsetzungen vor, die sich ganz gut auf einen Nenner bringen lassen: Das Land beherrschen und durch einen steinzeitlichen Islam und permanente interne Auseinandersetzungen auf einem möglichst niedrigen zivilisatorischen Niveau halten. Für die Islamisten würde Afghanistan in solch einem  Zustand dann auch eine Basis für Aktivitäten in anderen Teilen der Welt bieten.

Schließlich arbeitet die jetzige Taliban-Bewegung gut mit der Drogenmafia zusammen. Wieder fragt man sich, wie das bei den afghanischen Taliban ankommt. Die „alte“ Talibanbewegung hatte sich energisch gegen den Drogenanbau gewandt. Es kann aber durchaus sein, daß diese Zusammenarbeit sogar zur Akzeptanz der Taliban bei der Bevölkerung beiträgt. Vom Drogenanbau profitieren viele Menschen. Dagegen dürften die Ziele des pakistanischen Geheimdienstes und der arabischen Selbstmordmörder nicht unbedingt mit denen der afghanischen Drogenbarone übereinstimmen.

Was treibt die afghanischen Taliban zum Krieg gegen die USA und gegen die Kabuler Regierung? Ist es die Unzufriedenheit mit der Unfähigkeit und Korruptheit der Kabuler Regierung? Diese Unzufriedenheit teilen die Paschtunen mit allen Afghanen. Aber die anderen Völker sind bisher ruhig geblieben.

Die Paschtunen haben in der Tat spezielle Gründe, besonders erzürnt über die Lage in Afghanistan zu sein: Bei der Wahl des afghanischen Staatsoberhauptes durch die erste Loya Dschirga sorgte der Botschafter der USA auf sehr plumpe Weise öffentlich dafür, daß der ehemalige König nicht zum Zuge kam, sondern der jetzige Präsident Hamid Karzai. Der König war schon sehr alt. Aber es ging nicht so sehr um seine persönliche Herrschaft, sondern um die seiner Familie. Diese Herrschaft wollte die von Tadschiken dominierte Nordallianz, die zusammen mit der US-Lufwaffe die Taliban vertrieben hatte, nicht hinnehmen. Sie wollte selber die Macht ausüben. Der König und seine Familie hatten viel Rückhalt bei den Paschtunen. Aber auch große Teile der anderen Völker hielten den König für die beste Lösung. Den Amerikanern war ein Staatsoberhaupt mit einem relativ starken Rückhalt beim Volk zu unbequem. Sie boteten den König aus. Für die Paschtunen besiegelte das ihren Machtverlust. Bisher hatten sie immer das Sagen gehabt. Sie fühlen sich zur Dominanz berechtigt, weil sie den größten Anteil an der Bevölkerung stellen. Jetzt sehen sie die Lage so: Die Amerikaner haben sie um ihr selbstverständliches Recht auf Herrschaft geprellt.

Zwar ist auch Karzai Paschtune. Aber das täuscht nicht darüber hinweg, daß die Paschtunen die Macht in Kabul eingebüßt haben. Ohne jede Hausmacht ist Karzai hilflos den Entwicklungen ausgeliefert. Er scheint seinen Einfluß nur dazu zu nutzen, seinen Bruder, der einer der größten Drogenhändler Afghanistans sein soll und auch krumme Grundstücksgeschäfte macht, vor der Strafverfolgung zu schützen. Die USA haben mit Karzai eine ihrer vielen Milchmädchenrechnungen gemacht.

Rätselhaft bleibt das Verhalten des US-Militärs. Scheinbar fühlt es sich berufen, Rache für die Anschläge vom 11.9.2001 zu üben. Schließlich hatte Osama bin Laden von Afghanistan aus an der Planung dieser Anschläge mitgewirkt. Es ist jedoch nicht gerechtfertigt, die Bevölkerung Afghanistans für die Handlungen der Taliban haftbar zu machen. Vor allem aber ist es eine Dummheit, das zu tun. Es mußte darum gehen, Afghanistan möglichst schnell zu einem funktionierenden Staatswesen werde zu lassen, damit sich hier nicht wieder Extremisten einnisten können. Das Verhalten des US-Militärs verhinderte aber genau das. Immer wieder überfiel es Dörfer der Paschtunen und mißhandelte und tötete die Einwohner. Immer mehr Männer sannen auf Rache und schlossen sich deshalb den Taliban an. Das US-Militär hat die Talibanbewegung, die 2002 praktisch aus Afghanistan vertrieben war, wieder stark gemacht.

Als die Taliban wieder aktiv wurden, baten der damals noch provisorische Präsident Karzai und die UNO die Weltgemeinschaft, die internationalen Truppenkontingente in Afghanistan zu verstärken. Dazu konnte sich niemand entschließen. Die USA hatten eine Idee, die sie schon im Irak gehabt hatten: Es wurde eine „nationale Armee“ aufgebaut. Woraus bestand diese Armee? Natürlich ganz überwiegend aus denjenigen, die mit den USA zusammenarbeiteten, also aus Tadschiken. Die Paschtunen mußten nach Lage der Dinge in der nationalen Armee vollkommen unterrepräsentiert bleiben. Diese Armee wurde dringend gebraucht. Sie mußte den US-Truppen helfen, den Aufstand der paschtunischen Taliban zu bekämpfen. So heizt man einen Bürgerkrieg an. Die USA hatten die nötigen Erfahrungen. Schließlich hatten sie schon den Irak auf diese Art in die Katastrophe getrieben. Dort hatten sie eine nationale Armee aus Schiiten gebildet und gegen die sunnitischen Aufständischen eingesetzt.

Bevor man hier wegrennt oder sich dazu entschließt, noch kräftiger draufzuhauen, sollte man in Ruhe hinsehen, mit welchem Gegner man es zu tun hat: mit den islamistischen Arabern, mit dem islamistisch beseelten pakistanischen Geheimdienst, mit den Drogenhändlern und schließlich mit den Paschtunen, die sich den Taliban angeschlossen haben. Ist das eine homogene Bewegung? Sicher nicht. Die Pakistaner sind auch bei den Paschtunen verhaßt. Und die Araber mit ihrer Selbstmordindustrie sind den Paschtunen – freundlich ausgedrückt – sehr fremd. Sicher, die Talibanbewegung, die 2001 vertrieben wurde, war eine ähnliche heterogene Allianz. Und sie hat lange gehalten. Aber damals hat sich auch niemand darum bemüht, die vorhandenen Sollbruchstellen dieser Allianz knacken zu lassen. Damals äußerte der deutsche Außenminister Fischer, er könne sich keinen gemäßigten Taliban vorstellen. Abgesehen davon, daß die Grammatik nicht stimmte („Taliban“ ist ein Plural), hat es Fischer am Vorstellungsvermögen gemangelt. Damals habe ich viele gemäßigte Taliban gekannt, auch solche in hohen Ämtern.

Es muß jetzt darum gehen, die afghanischen Taliban von ihren ausländischen Helfern zu trennen. Verhandlungen mit „den Taliban“ sind dazu ungeeignet. Wenn man mit den Taliban auf höherer Ebene verhandelt, verhandelt man letztlich mit den Pakistanern und Arabern. Und die sind nicht an einer Beruhigung der Lage interessiert. Den afghanischen Paschtunen müssen die speziellen Gründe für ihren Zorn genommen werden.

Daß es mit der Regierung Karzai nicht weitergeht, ist inzwischen afghanisches Allgemeingut. Es muß ein Politiker gefunden werden, der die Sympathien der Paschtunen hat oder schnell gewinnen kann. Der muß möglichst schnell durch sein Handeln beweisen können, daß er keine Marionette der Amerikaner ist. So etwas kann man zur Not mit den Amerikanern arrangieren. Dann müssen Paschtunen in Regierung und Militär wieder mehr Einfluß erhalten.

Auf die Dauer wird es nicht damit getan sein, Personen auszuwechseln. Das gesamte Verwaltungswesen muß auf eine andere Basis gestellt werden. Sonst werden auch die anderen Völker eines Tages zur Waffe greifen, um die korrupte Kabuler Beamtenschaft zu verjagen. Das Ausland hat hier eine Aufgabe. Die Bevölkerung ist die korrupten Beamten mit ihrem Zentralstaatswahn leid. Sie hätte nichts dagegen, wenn sich das Ausland langfristig und energisch in die Verwaltung einmischte. Allerdings sollte man dann ein verbindliches Konzept haben, was für eine Beamtenschaft für Afghanistan nötig und möglich ist.

Im letzten Jahr sind die Aufgaben des ausländischen Militärs neu verteilt worden. Die ISAF-Truppen, die nur für die innere Ruhe Afghanistans sorgen sollen, sind jetzt für das ganze Land zuständig. Die Anti-Terror-Truppen, die hauptsächlich aus Kontingenten der USA bestehen – aber leider auch aus internationalen Zutaten, wie der deutschen KSK – sollen nur noch im Südosten agieren. Die Anti-Terror-Truppen, die unter dem bescheidenen Titel „Enduring Freedom“ agieren, sollen immer noch Osama bin Laden fangen. Diese Truppen haben die Paschtunen in den Aufstand getrieben. Sie sollten sofort verschwinden. Bei der Umgliederung sind der ISAF große US-Truppenkontngente unterstellt worden. Das ist eine Belastung für die ISAF. Immerhin haben die USA nicht den Oberbefehl über die ISAF.

Meines Wissens wollte die ISAF, als sie das Mandat für den afghanischen Südwesten erhielt, tatsächlich einen Neuanfang machen. Der britische Oberbefehlshaber wollte nur noch die Provinzhauptstädte sichern und gegen die ländlichen Gebieten nicht mehr offensiv vorgehen. Leider wurden diese operativen Absichten nicht umgesetzt. Die afghanischen Behörden erbaten von der ISAF militärischen Schutz für Polizeiposten in den Bezirkshauptstädten. Die ISAF ging darauf ein und war sofort wieder in einen sehr heftigen Kleinkrieg mit den Taliban verwickelt. Die Kämpfe eskalierten derart, daß die Bewohner eines Bezirkes die ISAF darum baten, sich aus ihrem Bezirk zurückzuziehen. Sie würden im Gegenzug keine Taliban im Bezirk dulden. Die ISAF ging darauf ein.

Es ist schade, daß die ursprünglichen operativen Absichten der ISAF-Führung nicht durchgehalten wurden. Vermutlich fehlte es an den strategischen Vorgaben aus der Heimat. Der deutsche Verteidigungsminister Jung hat vor einigen Wochen geäußert, daß man eine neue Strategie für Afghanistan brauche. Die Afghanen müßten an ihr erkennen, daß die ausländischen Truppen nicht als Besatzer da seien. Er hoffe, fügte Jung hinzu, daß er das auch seinen amerikanischen Freunden klarmachen könne. Das waren deutliche Worte. Man weiß in Europa sehr wohl, worum es geht. Wenn es gelingt, eine defensive Strategie durchzusetzen, sollte sich die Lage beruhigen.

Man sollte bei der Gelegenheit die US-Truppen und auch die Briten aus dem Süden Afghanistans abziehen. Man könnte sie im ruhigen Norden stationieren. Wenn die afghanischen Paschtunen in ihrer Heimat keine amerikanischen Soldaten mehr antreffen, die sie wegen der Übergriffe auf ihre Familien hassen, werden sie sich überlegen, ob sie nicht lieber ihre Felder bestellen. Auch die Briten sind in Afghanistan unbeliebt. Das liegt an den drei Kriegen, die sie bereits gegen Afghanistan geführt haben, an Tony Blairs Nibelungentreue zu George W. Bush und auch am oben beschriebenen unglücklichen Taktieren im Süden nach der Kommandoübernahme durch die ISAF.

Vor zwei Wochen fand eine große Versammlung von Vertretern der verschiedensten afghanischen Parteien und Gruppierungen in Kabul statt. Sie sprach sich für eine gründliche Neuordnung der afghanischen Politik aus. In der Abschlußresolution wird die Ablösung der Regierung Karzai verlangt und das Verbleiben der NATO in Afghanistan – allerdings ohne Amerikaner und Briten. Ähnliche Forderungen waren schon im Parlamentswahlkampf zu hören.

Ach so, beinahe hätten wir die Drogenhändler vergessen. Aber genau das sollten unsere Politiker in den nächsten Jahren ebenfalls tun. Man muß sie vorerst gewähren lassen. Das tut die Regierung Karzai in ihren Gebieten auch. Nur eine relativ starke Regierung kann sich mit den Drogenbaronen anlegen. Hinter denen stehen internationale Verbrechersyndikate, denen auch westliche Regierungen das Handwerk nicht legen können. Wollte man denen jetzt im Süden den Krieg erklären, würde man sich gleichzeitig mit etlichen Kleinbauern anlegen, die man eigentlich zum Frieden bekehren möchte. Erst wenn eine Regierung sicher im Sattel sitzt und wenn man den Bauern Alternativen zum Mohnanbau bieten kann, sollte man sich um dieses Problem kümmern.

Überhaupt sollte man viel von dem vergessen, was man Afghanistan bescheren wollte: Demokratie, Gleichberechtigung der Frauen, Gleichberechtigung der Religionen. Die große Mehrheit der afghanischen Bevölkerung muß all das selber wünschen. Von außen kann man es nicht erzwingen, ohne daß man sich als Besatzer benimmt. Das soll nicht heißen, daß man Afghanistan diese Errungenschaften vorenthalten muß. Die verschiedenen Wahlen wurden durchaus vom neugierigen Interesse der Menschen begleitet. Dennoch sagen auch politisch interessierten Afghanen Begriffe wie Gewaltenteilung, Unabhängigkeit der Gerichte oder Trennung von Klerus und Staat nichts. Soweit es die Afghanen wünschen, sollte man ihnen beim Aufbau einer Demokratie helfen. Aber im Interesse unserer Länder liegt zunächst eine dauerhafte Beruhigung der Lage. Und die erreicht man nicht dadurch, daß man die zerrüttete afghanische Gesellschaft mit immer neuen Zumutungen überfordert.

Peter Schwittek (2006)