Militärisches

Militärmissionen in Entwicklungsländern sind heikel und teuer. Neben dem verlustreichen Einsatz der Amerikaner und ihrer Verbündeten im Irak ist dabei an die Blauhelm (also UN geführte) Expedition in Haiti zu denken. Deren Oberkommandierender beging vor wenigen Wochen Selbstmord. Seine Truppen, die immerhin einige Tausend Mann stark sind, haben keine Chance, das kleine Land in den Griff zu bekommen. Die Bevölkerung von Haiti wird von kriminellen Banden terrorisiert – teils unter politischen Vorwänden. Die UN-Truppen konnten keinerlei Schutz bieten. Viele Haitianer fordern den Abzug der Blauhelme.

Kriminelle Banden, also Kriminalität, bekämpft man normalerweise mit der Polizei. Und es ist die Frage, ob eine reine Militärmission ein Land vor der Kriminalität schützen kann. Daher werden solche Einsätze oft von Militärs kritisiert, insbesondere von solchen, die ihr Handwerk in der Zeit der Ost-West-Konfrontation gelernt haben. Diese Soldaten sind darauf vorbereitet, sich im feindlichen Gebiet zu bewegen. Sie mißtrauen den Bewohnern des Feindeslandes, meiden Kontakte zu ihnen und igeln sich ein. Wenn sich jemand ohne Erlaubnis ihren Stützpunkten nähert, wird er erschossen. So verstehen sie ihre Aufgabe. Zumindest die USTruppen scheinen auf dieses Verhalten getrimmt zu sein. Ich kann mir nicht vorstellen, daß auf diese Art und Weise die meisten Kriege der letzten zweihundert Jahre geführt wurden. Jede militärische Führung muß zusehen, daß sie mit der Bevölkerung eines besetzten Landes ohne großen Aufwand zurecht kommt. Und da ist es meist der beste Weg, bei den Einwohnern des Feindeslandes möglichst viel Sympathie zu gewinnen. Und Länder wie Irak, Haiti oder Afghanistan wurden nicht im kalten Krieg erobert. Sie waren kein Feindesland. Sie wurden von verbrecherischen Regimen regiert, die bei der Mehrheit der Bevölkerung verhaßt waren. Die Regime wurden vertrieben. Danach blieben Truppen dort, damit die Länder wieder zu einer staatlichen Ordnung finden konnten. In solchen Ländern ist der Einsatz von Soldaten, die nichts anderes können, als den dritten Weltkrieg zu führen, falsch.

Glücklicherweise ist der kalte Krieg keine Gefahr mehr. Stattdessen häufen sich die Truppeneinsätze in destabilisierten Ländern. Soll man Deutschland oder das Gebiet der NATO wirklich am Hindukusch verteidigen? Es gibt wirtschaftliche und geostrategische Gründe für solch ein Abenteuer. Davon soll hier abgesehen werden. Es gibt auch andere Gründe, diesen Aufwand zu treiben. So ist es eine moralische Frage, ob man sich in die Angelegenheiten eines anderen Staates einmischen darf. Kann die Welt zusehen, wenn in Ruanda eine Ethnie die andere ausrottet oder muß sie sich einmischen? Wenn ich zusehe, wie ein Mitbürger erschlagen wird und nichts tue, obwohl ich helfen könnte, mache ich mich strafbar.

Als Afghanistan im Bürgerkrieg praktisch keine Regierung hatte und dann unter die Herrschaft der Taliban geriet, war es eine bequeme Basis für Leute wie Osama bin Laden. Wenn man Afghanistan wieder zu einer normalen Staatlichkeit verhilft, wird dort eine Regierung herrschen, unter der sich keine Radikalen ausbreiten können. So hofft man jedenfalls. Doch die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon sind eher in Deutschland und in den USA vorbereitet worden als in Afghanistan. In unseren eigenen Ländern sind dank unkontrollierter Einwanderung und mangelhafter Integration Parallelgesellschaften entstanden. Hier können sich dezentral organisierte Terrorgruppen unter Ausnutzung der Gesetze mindestens ebenso gut entfalten, wie in den Steppen des Orients, wo man allenfalls den Umgang mit Sprengstoff und Maschinengewehren üben kann.

Der triftigere Grund dafür, daß man anderen Ländern auch durch Entsendung von Militär wieder zu einer normalen Staatlichkeit verhelfen muß, ist die soeben erwähnte Einwanderung. Aus Staaten, in denen die Regierung nicht für die persönliche Sicherheit der Bürger sorgen kann und in denen keine wirtschaftlichen Perspektiven für die Einwohner bestehen, flieht die Bevölkerung.

Viele Einwohner von Entwicklungsländern besitzen einen Fernseher und sehen täglich, wie man in anderen Ländern lebt. Auf diesem Hintergrund wird die eigene Situation noch klarer. Es sind dann meist diejenigen, die eine bescheidene Halbbildung genossen haben, die die Konsequenzen ziehen. Sie machen sich auf den Weg. Menschen, die soviel Initiative zeigen, sollten eigentlich diejenigen sein, die ihre eigenen Länder voranbringen. In Europa, Australien oder Nordamerika sind dann fast alle von ihnen nur für einfachste Arbeiten qualifiziert. Hier werden sie zu Sozialhilfeempfängern. Bei den Menschen, die es in ihrer Heimat nicht mehr aushalten, handelt es sich nicht um zwei oder drei Millionen. Es geht um erhebliche Teile der Bevölkerung Afrikas, Asiens und Lateinamerikas.

Europa steht unter starkem Wanderungsdruck aus Afrika, aber vor allem aus den islamischen Ländern, also aus dem uns benachbarten Kulturkreis. Die islamischen Gesellschaften haben größte Probleme, sich in Nationalstaaten westlicher Prägung zu organisieren. Politisch, wirtschaftlich und kulturell befinden sie sich alle auf dem Abstieg. Der Ölreichtum einiger islamischer Länder verschleiert diesen Sachverhalt etwas. Aber allenfalls in der Türkei und einigen Kleinstaaten wie Oman, Qatar, den Vereinigte Emiraten oder Bahrain gibt es schwache Hoffnungen auf eine nachhaltige Entwicklung. Der Wanderungsdruck auf Europa wird sich schon aus demographischen Gründen noch verstärken. Es werden noch manche islamischen Staaten scheitern. Es wird noch öfter nötig werden, die Reparatur staatlicher Strukturen zu fördern. Dabei wird man nicht immer auf militärische Mittel verzichten können, um zunächst einmal Bürgerkriege zu beenden.

Doch, wie gesagt, für solche Aufgaben sind Truppen, die nur die Durchführung des dritten Weltkrieges gelernt haben, nicht geeignet. Die Soldaten von Interventionstruppen in Entwicklungsländern müssen die Einwohner dieser Länder als Menschen respektieren. Sie müssen ein Minimum von der Kultur des Landes verstehen. Sie müssen in der Lage sein, auch Polizeiaufgaben zu übernehmen oder müssen durch Polizeikräfte ergänzt werden, mit denen sie in der Lage sind, zusammen zu arbeiten. Darüber hinaus ist langfristige und zielgerichtete Entwicklungshilfe nötig.

In Afghanistan gibt es zwei Arten ausländischer Truppen. Da sind zunächst diejenigen, die sich dem Kampf gegen den Terrorismus widmen. Sie werden ganz überwiegend von den USA gestellt. Außerdem gibt es die ISAF-Truppen, die das Land beruhigen sollen. Der ISAF gehören keine US-Truppen an. Der Auftrag der ISAF bezog sich zunächst nur auf die Stadt Kabul, wurde aber inzwischen auf Nordafghanistan und weitere Teile des Landes ausgedehnt.

Die ISAF hat ihren Auftrag bisher erfüllt. Die Präsidentschafts- und Parlamentswahlen wären ohne die Anwesenheit der ISAF kaum so ruhig abgelaufen, wie es geschehen ist. Nach der Präsidentschaftswahl konnte die Regierung die Vorherrschaft der Pandschiri beenden, die den Widerstand gegen die Taliban angeführt hatten und die nach deren Vertreibung die dominierende militärische Kraft in Afghanistan waren. Auch das war nur dank der Anwesenheit der ausländischen Truppen möglich, obwohl diese dabei nie aktiv wurden. Es muß sich zeigen, ob die ISAF auch mit der geplanten geografischen Ausweitung ihres Auftrages zurecht kommt.

Das dürfte schwierig werden, denn sie muß jetzt immer mehr in die Gebiete einrücken, in denen US-Truppen aktiv sind oder waren. Diese Gebiete sind sehr unruhig. Der Auftrag der ganz überwiegend von den USA gestellten Anti-Terror-Truppen, der „Kampf gegen den Terrorismus“, ist ein politisches Schlagwort. Er gibt keine klare militärische Anweisung. Während der Flucht der Taliban und in den Monaten danach ging es darum, Osama bin Laden, der als Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 gilt, und Mullah Omar, das nominelle Oberhaupt der Taliban, zu fangen. Das mißlang. Die Welt erfährt jetzt alle drei bis sechs Monate, daß wieder einmal die Nummer zwei oder drei der al Qaida gefangen oder getötet wurde. Doch angesichts der anarchischen dezentralen Strukturen des islamischen Terrorismus sind solche Meldungen lächerlich. Nachdem man einsehen mußte, daß Osama entkommen konnte, hätte das Vorgehen der Anti-Terror-Truppen überprüft werden müssen. Es wäre dann nur noch darum gegangen, das Land vor Überfällen restlicher Taliban zu sichern und so den Wiederaufbau staatlicher Strukturen zu ermöglichen. Das wäre im wesentlichen eine defensive Aufgabe gewesen, fast identisch mit der der ISAF-Truppen.

Aber die US-Truppen hatten sich an die Jagd nach bin Laden gewöhnt und fuhren bis jetzt damit fort. Wann immer ihnen mitgeteilt wird, daß sich irgendwo führende Taliban aufhalten, schlagen sie zu. Ohne daß sie verstehen, was gespielt wird, werden sie so in uralte afghanische Clan-Fehden hineingezogen. Das Zuschlagen besteht aus Bombardements der Luftwaffe oder aus Überfällen von Bodentruppen auf Dörfer. Dabei dringen die Soldaten in Häuser ein, suchen nach Feinden, verschleppen Männer und tasten die Frauen nach Waffen ab – eine furchtbare Entehrung der betroffenen Familie. Die Gegenden, in denen man auf diese Weise haust, werden gleichzeitig mit „Wiederaufbaumaßnahmen“ beglückt: Mittel werden vergeben, damit Schulen gebaut und Straßen oder Bewässerungsanlagen saniert werden können. Abgesehen davon, daß „Wiederaufbau“ auf dem Land überflüssig ist, denn es wurde nichts zerstört, werden diese Aktivitäten von der Bevölkerung nicht verstanden oder als zynisch empfunden. Das unsägliche Vorgehen der Truppen wird dadurch nicht ungeschehen gemacht. Im Gegenteil, immer mehr Männer wollen sich gegen die Übergriffe der Fremden wehren und schließen sich deshalb den Taliban an. Die Amerikaner halten die ständig steigenden Zahlen der getöteten Gegner für den Indikator ihres Erfolges. Schon in Vietnam haben sie nach der Bombardierung von Dörfern die Toten postum zu Kommunisten erklärt und so ihre Abschußraten steigern können – bis der Krieg verloren war.

Als Grund für das sinnlose und vollkommen unsensible Vorgehen führt man gerne den sozialen Hintergrund der einfachen GIs an. Es ist sicher so, daß die meisten von ihnen nur wenig Erziehung genossen haben. Die Produkte der heimischen Verblödungsindustrie, wie Rambo, sind Vorbilder für viele von ihnen. Von dem Land, in dem sie sich aufhalten, wissen sie nicht viel mehr, als daß es von gefährlichen, heimtückischen Aliens bewohnt wird. Aber kann man den Landsern auch zur Last legen, daß ihnen die typisch-amerikanische Paranoia eingetrichtert wurde, und daß sie sich in Afghanistan genauso bewegen müssen, wie im Irak? Wie man bei der Besetzung eines Dorfes vorgeht und welche Bombenziele ausgewählt werden, entscheiden nicht die einfachen GIs. Mit der operativen Planung, in welchen Provinzen man weiter nach Osama und Mullah Omar sucht, oder ob man auf ein defensiveres Vorgehen umschaltet, haben diese Underdogs der amerikanischen Gesellschaft erst recht nichts zu tun. Was wir hier sehen, sind Schwächen des amerikanischen Offizierscorps. Auch die Armeen der meisten anderen Länder, die sich in Afghanistan engagiert haben, sind Berufsarmeen und rekrutieren ihre einfachen Soldaten nicht in Universitätsseminaren. Trotzdem werden die anderen Truppenkontingente von der breiten Mehrheit der afghanischen Bevölkerung geschätzt.

Nur die Amerikaner sind verhaßt. Während des Parlamentswahlkampfes wurde in der Kabuler Innenstadt ein Zelt aufgebaut, in dem die Kandidaten Reden hielten. Da wurde unter anderem gefordert, daß die Amerikaner Afghanistan verlassen sollen. Stattdessen solle die NATO für die Sicherheit sorgen. Dem Redner war nicht so recht klar, was die NATO ist. Er meinte die Europäer.

Die US-Regierung bemüht sich seit langem darum, die ISAF und die Anti-Terror-Truppen zu verschmelzen. Seit 2003 tragen die Soldaten der anderen Nationen ebenso helle Tarnanzüge wie die GIs. Die USA hatten diese Umkleidung gewünscht, weil die allermeisten Anschläge ihren Soldaten galten. Die Führung der USA war wegen der mangelnden Gefolgschaft im Irak verärgert. Man mußte sie beschwichtigen und zog sich um. Inzwischen habe ich gehört, daß auf manche US-Kriegsfahrzeuge schwarz-rot-gelbe Fähnchen gemalt seien. Auf Druck der USA wurden die Kommandos der Anti-Terror-Truppen und der ISAF der NATO untergeordnet. Doch ein gemeinsames Kommando für beide Kontingente konnten sie nicht durchsetzen. Der Widerstand gegen eine weitere Verschmelzung von ISAF und Anti-Terror-Truppen ist verbissen, auch wenn er fast nicht an die Öffentlichkeit dringt. Er wird auch von den „neuesten Europäern“ und anderen gehorsamen Verbündeten der USA getragen. Auch Polen, Türken und Italiener wissen, was sie ihrem Kontingent antun, wenn sie es mit den Amerikanern in einen Topf werfen lassen. Auch der neue Bundesverteidigungsminister Jung hat klargestellt, daß die Kommandos getrennt bleiben.

Ein afghanischer Freund, der für die US-Entwicklungshilfeagentur AID in Südafghanistan arbeitet, erzählte, daß seine amerikanischen Kollegen verzweifelt sind. „Es ist Wahnsinn, was wir hier tun.“ sagten sie. Und es ist zu hoffen, daß solche Einsichten allmählich auch ins Pentagon einsickern. Immerhin werden die USA ihr Truppenkontingent in Afghanistan verringern. Stattdessen wird das Mandat der ISAF weiter nach Süden ausgeweitet. Für die ISAF ist dieser Schritt gefährlich. Die US-Truppen haben die Fanatiker im Süden stark gemacht.

Diese haben ihre Infrastruktur aufgebaut und werden nicht gleich friedlich nach Hause gehen, wenn Türken oder Italiener die Amerikaner ablösen. Erkannt hatten das die Holländer. Ihre Regierung hatte sich bereit erklärt, Truppen in die notorisch unruhige Provinz Uruzghan zu entsenden. Doch es gab Widerstand in der Regierungskoalition und die Regierung hatte große Mühen, die Stationierung niederländischer Truppen nach Uruzghan durchs Parlament zu bringen. Doch auf lange Sicht ist die Ersetzung der Anti-Terror-Truppen durch die ISAF ein vernünftiger Schritt zur Befriedung Afghanistans.

Peter Schwittek (2006)