Mission

Die Affäre um den afghanischen Konvertiten Abdul Rahman ging glimpflich zu Ende. Den Prozeß gegen den Christen, in dem ihm die Todesstrafe drohte, hatte man wegen eines Formfehlers platzen lassen. Der Mann stand vor der Abschiebung in ein europäisches Land. Und schon berichteten meine Kollegen von einem Pandschiri, der sich ebenfalls öffentlich zum christlichen Glauben bekannte. „Sollte man jetzt nicht Christ werden?“ meinte einer. „Dann bekommt man sofort einen deutschen oder italienischen Paß.“ Dieser Jux wird den Problemen afghanischer Christen sicher nicht gerecht.

Im „Spiegel-Online“ berichtete ein Reporter über ein Treffen mit einem afghanischen Christen. Dessen Leben ist ein Versteckspiel. Er hat es schwer. Früher, vor dem Bürgerkrieg habe Religionsfreiheit geherrscht. Da habe es überall Kirchen gegeben. Mit diesem Punkt hätte sich der Reporter etwas mehr Mühe machen sollen. Es gibt schon sehr lange eine Kapelle in der italienischen Botschaft. Anfang der Siebziger Jahre wurde auch Protestanten der Bau einer kleinen Kirche erlaubt. Doch zu dieser Zeit missionierten einige Hilfsorganisationen sehr intensiv. Die Bevölkerung war beunruhigt. Die Regierung mußte handeln. Der Weiterbau der Kirche wurde verboten. Der fast fertige Bau wurde abgerissen. Weitere Kirchen hat es nicht gegeben. Ausländer konnten sich in privatem Kreis zu Gottesdiensten treffen. Sie konnten in der italienischen Botschaft die Messe feiern. Das galt auch während der Herrschaft der Taliban. Die kamen im übrigen mit einem christlichen Westler besser zurecht als mit einem Ausländer, der sich zu keiner Religion bekannte. Ein Mensch ohne religiösen Glauben überstieg das Vorstellungsvermögen dieser radikalen Gläubigen. Ein Mensch ohne Religion konnte nur ein Kommunist sein.

Solange die Christen ihre Religion ausüben und Moslems Moslems sein lassen, ist nach afghanischem Verständnis alles in Ordnung. Für die Mission lassen diese Regeln des Zusammenlebens keinen Raum. Das sehen nicht nur einige radikale Kleriker so. Christliche Mission wird auch von der afghanischen Bevölkerung vehement abgelehnt. Daran ändert auch die neue Verfassung nichts, die sowohl das Recht der freien Religionsausübung als auch die Prinzipien des Islam garantiert. Diese Verfassung wurde Afghanistan von außen aufgenötigt. Dem Durchschnittsafghanen sagt sie nichts. Sie ist kein Baustein eines bürgerlichen Selbstverständnisses.

Christliche Mission gibt es auch nicht erst seit der neuen Verfassung in Afghanistan. Schon seit Jahrzehnten praktizieren einige protestantische Organisationen in Afghanistan eine Mission, die offensiv auf individuelle Bekehrungen abzielt. Offiziell bieten solche Organisationen der afghanischen Bevölkerung humanitäre Dienste an. Deren Effizienz liegt über der der sonstigen Entwicklungshilfe. Sie wird durch einen überdurchschnittlichen Einsatz ausländischen Personals erzielt. Afghanische Mitarbeiter und diejenigen, die solche Dienste nutzen, werden immer wieder Missionsversuchen ausgesetzt. Zum Erlernen der englischen Sprache werden Texte mit christlicher Propaganda genutzt. Aus den Krankenhäusern der Missionare wird immer wieder berichtet, daß Medikamente manchmal nur gegeben werden, wenn vorher bestimmte Gebete gesprochen wurden. Da geht es konkret um den individuellen Erfolg des einzelnen Missionars. Der muß eines Tages vor seinen Herrn treten und vorrechnen, wieviel Seelen er abgeliefert hat – und von welcher Qualität die waren. Das hat durchaus einen sportlichen Aspekt. Ein Freund schlug einmal einem Missionar vor, woanders zu missionieren, z.B. in Großstädten westlicher Länder oder in Schwarzafrika. Er erhielt zur Antwort, daß es keine Herausforderung sei, in Afrika zu missionieren. „Im Laufe eines Lebens ein paar Hundert Schwarzafrikaner für das Christentum gewinnen, das kann jeder. Aber einen Afghanen oder einen Saudi auf die richtige Seite bringen, das ist wie einmal auf den Mount Everest steigen.“

Das Recht auf freie Religionsausübung ist ein Menschenrecht und viele Religionen verpflichten ihre Anhänger zur Mission. Wenn Moslems daran arbeiten, ganz Europa für ihre Religion zu gewinnen, kann man es Christen schlecht verwehren, unter den Moslems zu missionieren. Doch ist es weise, mit allen Mitteln offensiv zu missionieren? Verstößt man mit aggressiver Mission nicht gegen andere Gebote der eigenen Religion, z.B. gegen das Gebot des friedlichen Zusammenlebens. Schon in Deutschland dürfte es die Spannungen zwischen den Religionsgemeinschaften verschärfen, wenn die eine oder die andere Seite in großem Stil zu missionieren begänne. Aber erst in Afghanistan – Kann dieses Land in seinem jetzigen kläglichen Zustand eine christliche Mission verkraften?

Was geschieht mit Afghanen, die westliche Missionare für das Christentum gewonnen haben? Der Christ, den „der Spiegel“ aufgetrieben hat, muß seinen Glauben geheim halten. Er kann sich allenfalls seinen engsten Familienangehörigen offenbaren. Er muß immer wieder seinen Glauben verleugnen und mit Moslems in der Moschee beten, damit er nicht in Verdacht gerät. Mit seinen Glaubensbrüdern kann er sich kaum treffen. Das Leben eines christlichen Konvertiten in Afghanistan ist alles andere als „normal“. Nun gut, das Christentum wurde im Römischen Reich auf ganz ähnliche Art und Weise gelebt. Aber damals haben Christen, die wegen ihres Glaubens ein hohes Risiko trugen, andere Mitbürger überzeugt. Jetzt angeln privilegierte Ausländer nach afghanischen Seelen. Dabei setzen sie rigoros ihre überlegene wirtschaftliche Macht ein. Der afghanische Mitarbeiter einer solchen Organisation, der seinen Posten behalten will, kann sich schlecht den Gesprächen über religiöse Dinge verschließen, zu der ihn der ausländische Chef drängt. Und wer nicht das Geld hat, um für seine Familie genug Lebensmittel zu kaufen, wird sich gewissen Forderungen von Ausländern beugen, die ihm dafür eine monatliche Verpflegungsration anbieten.

Wenn es Missionare gar zu eifrig treiben, wird ihnen vielleicht das Aufenthaltsvisum nicht verlängert. Afghanen, von denen bekannt wird, daß sie zum Christentum übergetreten sind, erwartet ein ungleich härteres Los. Sie werden aus ihrer Gesellschaft ausgestoßen. Vielleicht kann ausländischer Druck dafür sorgen, daß der afghanische Staat einen Konvertiten nicht bestraft. Aber vor den eigenen Mitbürgern kann man einen zum Christentum bekehrten Afghanen auf die Dauer nicht schützen. Er muß damit rechnen, früher oder später umgebracht zu werden. Wie vereinbaren die ausländischen Missionare die vorhersehbaren Schicksale ihrer Konvertiten mit dem Gebot der Nächstenliebe?

Für den afghanischen Staat und seine wackligen Strukturen war die Affäre um den Konvertiten Abdul Rahman eine harte Belastungsprobe. Die Regierung hat sich dem ausländischen Druck gebeugt und den Christen freigelassen. Den Afghanen wurde wieder einmal vorgeführt, daß ihre Regierung eine Marionette des Westens ist. Sie war nicht in der Lage, die Prinzipien des Islams zu verteidigen. Für die Missionare ist der Ausgang des Verfahrens ermutigend. Sie dürften sich ermuntert fühlen, ihr Recht auf Mission weiter durchzusetzen. Die afghanische Gesellschaft, die schon bisher vielfältig aufgespalten und zerrissen ist, wird noch mehr unter Spannung gesetzt. Die Missionare schaffen einen neuen Riß, eine neue innerafghanische Frontlinie: Auch wenn die afghanischen Christen eine winzige Minderheit bilden – sie werden dem afghanischen Volk schlimme Schmerzen bereiten. Das Zusammenleben von Afghanen und Ausländern wird davon nicht unberührt bleiben.

In Kabul leben einige katholische Ordensschwestern und einige protestantische Brüder. Die haben hier ihr Leben lang ihren Mitmenschen gedient. Sie haben niemals versucht, einzelnen Afghanen ihre Religion nahe zu bringen. Aber natürlich stellt das Leben, das sie führen, ihren afghanischen Nachbarn Fragen: „Warum machen die das? Warum helfen die mir, ohne daß sie eine Gegenleistung bekommen? Warum leben die unter solch harten Bedingungen wie wir? Die hätten es doch in ihrer Heimat viel bequemer.“ Eine der Schwestern sagt locker: „ Mir ist ein ehrlicher Moslem lieber als ein krummer Christ.“ Dieses Vorleben des eigenen Glaubens zielt nicht auf eine konkrete Anzahl von Bekehrungen. Die Afghanen schätzen und lieben diese frommen Christen, und sie achten in ihnen den christlichen Glauben. Diese Schwestern und Brüder leisten einen erheblichen Beitrag zum friedlichen, entspannten Miteinander der Religionen.

Peter Schwittek (2006)