Unruhen in Kabul

Kabul und alles, was nördlich davon liegt, galt bisher als ruhig. Im Süden wurde es dieses Jahr deutlich unruhiger. Dort treiben US-Truppen schon lange ihr Unwesen und bringen die Bevölkerung immer mehr gegen sich auf. In vorangegangenen Berichten wurde das unsägliche Wirken des amerikanischen Militärs mehrmals beklagt: Der Auftrag „Kampf gegen den Terrorismus“ gibt kein strategisches Konzept her. „Die Sau rauslassen“ – so scheint die US-Truppenführung in Afghanistan diesen Auftrag zu verstehen. Die Ausführung bleibt Truppen überlassen, die von dem Land, in das man sie geschickt hat, absolut nichts verstehen. Dafür hat man den Soldaten einen radikalen Verfolgungswahn eingetrichtert, so daß sich jeder von ihnen beständig bedroht fühlt. Diese neurotische Soldateska wird immer wieder zu Angriffen auf Dörfer und Gehöfte getrieben, in denen man Islamisten vermutet. Die amerikanische Führung nennt das „den Feind unter Druck setzen“. Tatsächlich hat man den Feind auf diese Weise stark gemacht. Die Männer in den Gegenden, die von den US-Truppen heimgesucht werden, sehen keine andere Möglichkeit, sich gegen die Rumsfield’schen Totschlägerbanden zu wehren. Sie schließen sich den Islamisten an. Die Übergriffe der Amerikaner empören ganz Afghanistan immer mehr. US-Truppen sind verhaßt. Das Gefühl der amerikanischen Soldaten, bedroht zu sein, ist inzwischen berechtigt.

Die beiden Straßen, die Kabul mit dem Süden und Südosten des Landes verbinden, verlaufen eine längere Strecke parallel. Von Pul-e-Alam, der Provinzhauptstadt von Logar, nach Scheikhabad in Wardak gibt es eine Verbindungsstraße zwischen den beiden großen Pisten nach Süden. Diese Straße wurde im letzten Jahr geteert. Jetzt kann man schnell auf ihr vorankommen. Das nutzten die US-Truppen, um diese Gegend „unter ihre Kontrolle zu bringen“. Jeden Spätnachmittag rast jetzt ein Konvoi von drei schweren gepanzerten Mannschaftswagen die Straße entlang. Was man in diesem Tempo kontrollieren kann, ist unerklärlich. Für die Afghanen ist die gehetzte Karawane eine Demonstration nackter Angst. Den Islamisten gab es kräftigen Auftrieb. Sie sind es, die jetzt über die Gegend die Kontrolle ausüben.

Am Montagmorgen kam ein ebensolcher Konvoi auf der vielbefahrenen Ausfallstraße nach Norden auf Kabul zugerast. Die Straße steigt vor Kabul zum Khairkhana-Paß hoch und führt dann auf zwei getrennten Pisten in die Stadt herunter. Dort bildet ein großer Verkehrskreisel die Anbindung an das innerstädtische Straßennetz. Schon beim Aufstieg zum Paß stellte sich das führende Fahrzeug immer wieder einmal quer zur Fahrtrichtung, fuhr dann aber weiter. Noch vor der Paßhöhe hatte es mehrere afghanische Fahrzeuge gerammt. Bis zum Erreichen des Kreisels hatte es 24 (in Worten: vierundzwanzig) Autos getroffen und meist – selbst nach afghanischen Maßstäben – zu Schrott gefahren. Am Kreisel hielten empörte Afghanen den Konvoi auf. Sie stellten sich auf die Straße und bewarfen die US-Fahrzeuge mit Steinen. Die Soldaten schossen in die Luft, konnten aber keine Weiterfahrt erzwingen. Schließlich wurde scharf geschossen. Scheinbar hat als erster ein afghanischer Polizist das Feuer auf die Demonstranten eröffnet, weil er die Amerikaner für gefährdet hielt. Schließlich schossen auch die Amerikaner scharf auf alles, was sich zeigte. Der Neffe unseres Gärtners, der mit seinem Vater mit einem kleinen Wägelchen auf der Straße stand und Gemüse verkaufte, wurde auch erschossen. 40 Menschen kamen um.

Das afghanische Fernsehen hat die Geschehnisse bewundernswert ausführlich gezeigt. Es waren auch aufgebrachte Afghanen zu sehen, die „nieder mit Karzai!“ riefen: Der Staatspräsident gilt nur noch als Marionette der Amerikaner. Er bestätigte diese Einschätzung der Bevölkerung indem er bekannt gab, daß bei dem US-Fahrzeug die Bremsen versagt hätten. Angesichts der Tatsache, daß das Unheil schon beim Aufstieg zum Paß begonnen hatte, konnte man darüber nur lachen. Ich schildere diese Darstellungen so ausführlich, weil ich bald nach den Ereignissen im „Spiegel-Online“ eine stark verharmlosende Darstellung des Geschehens fand. Dort war von einem Zusammenstoß eines Militärfahrzeuges mit einem Taxi und höchstens sechs Toten die Rede.

Ob der „Spiegel“ sich später doch noch zu einer ehrlicheren Berichterstattung durchgerungen hat, konnte ich nicht mehr verfolgen. Überall in der Stadt bildeten sich spontane Demonstrationen gegen Amerikaner und Ausländer überhaupt. Büros und Gästehäuser ausländischer Organisationen wurden angegriffen. Die Meute orientierte sich dabei vor allem an den Wachhäusern für die Polizisten, die vor vielen dieser Häusern stehen. Residenzen von UN-Mitarbeitern müssen grundsätzlich solch’ eine Wache haben. Aber viele Organisationen hielten es ihrer Bedeutung gemäß für angemessen, sich ebenfalls solche Wachhäuschen vor ihren Eingang zu stellen. Der Stadtkommandant gab der Polizei den Befehl, nicht zu schießen. So konnte die Polizei niemanden schützen, auch sich selbst nicht. Sie zog sich aus den meisten Stadtteilen zurück und überließ dem Mob das Feld.

Überall hörte man Gewehrsalven. Vielerorts stiegen Rauchsäulen auf. Der Pöbel zündete ein Büro nach dem anderen an, brach aber auch in Luxusgeschäfte ein. Der politische Hintergrund solchen Tuns war längst vergessen. Es ging nur noch ums Plündern. In unserer Gasse befindet sich ein Gästehaus der Organisation IOM. Es ist UN-mäßig mit Wachhäuschen und Stacheldraht auf der Mauer gesichert. Die Meute verbrannte das Wachhäuschen, drang in das Gästehaus ein und raffte alles mit, was zu finden war – vom Kühlschrank bis zum Kopfkissen, ja sogar Stühle, die Afghanen normalerweise nicht benutzen. Viele Beutestücke dürften auch in den Haushalten der Plünderer reichlich vorhanden gewesen sein. Kollegen befragten Diebe, was ihnen die Insassen des Hauses denn getan hätten. Das seien böse Leute. Sie besäßen Pornofilme. Die bösen Leute waren nicht anwesend. Sie verbrachten die kritischen Stunden an ihrer Arbeitsstelle. Nichts war da, was auf Pornos hingewiesen hätte. Einen Hauch von Rechtfertigung brauchten die Plünderer wohl doch für ihr Tun. Leider führte unsere Telefonleitung an diesem Gästehaus vorbei und wurde bei dem Feuer zerstört. Internet und E-Mail gab es damit nicht mehr.

Irgendwann stand die Meute auch vor unserem Büro. Wir hatten zwar kein Wachhäuschen vor der Tür, und unser OFARIN-Schild war abmontiert. Aber einige der Plünderer waren aus unserer Gasse und wußten, daß unser Haus der Sitz einer ausländischen Organisation ist. Ich war inzwischen der Einladung unseres Nachbarn gefolgt, zu ihm über die Mauer geklettert und saß in seinem Gästezimmer vor dem Fernseher. Die Computer und den Inhalt unseres Safes hatten wir bei einem Kollegen untergebracht. Die afghanischen Mitarbeiter und der Nachbar bewahrten kaltes Blut und konnten die Meute verscheuchen.

Gegen Abend war der Spuk vorbei. Die Polizei war in alle Stadtteile zurückgekehrt. Für die Nacht wurde eine Ausgangssperre verhängt. Es gab noch zwei Tage lang Gerüchte, daß sich die Einwohner dieses oder jenes Stadtteils auch zu einer Demonstration zusammenrotten wollten. Aber das blieben Gerüchte. Offenbar hatten diese Gruppen die Gelegenheit zum Plündern verpaßt und wollten nun noch nachträglich „zu ihrem Recht kommen“. Aber es war zu spät.

Am schlechtesten läßt sich die Fahrweise des US-Fahrzeuges erklären. War der Fahrer betrunken oder zugedröhnt? Hatte er vielleicht einen Marschbefehl in den Irak erhalten und versuchte aus der Armee ausgestoßen zu werden? Warum hat ihn sein Zugführer so lange gewähren lassen?

Leichter verstehen läßt sich das Verhalten der Meute. Nach dem Sturz der Taliban haben es einige Afghanen zu beachtlichem Reichtum gebracht. Für den Rest der Bevölkerung haben sich die Lebensbedingungen kaum geändert. Die ausländischen Hilfsorganisationen werden schon länger von vielen Afghanen beneidet. Es sind nicht nur deren meist dicke Autos, die Anstoß erregen. Die Ausländer zahlen hohe Mieten für ihre Büros und Gästehäuser. Sie treiben die Mieten für alle Kabuler hoch. Sie vergeben gut bezahlte Stellen und machen so aus Mitbürgern, auf die man eben noch mitleidig hinabgesehen hat, reiche Nachbarn, die einen in vielen Beziehungen übertrumpfen. Ja, die Ausländer können mit ihrem Geld Mädchen und Frauen zum Arbeiten anheuern, die sich vor Afghanen niemals unverschleiert zeigen würden. Etwas von den unermesslichen Reichtümern dieser Fremden ins eigene Haus zu tragen, hatten sich viele Afghanen schon lange gewünscht. Aber zu offenem Haß gegenüber den Fremden reichte es dann doch nicht. Niemand ist verletzt oder gar getötet worden. Immerhin gibt es in Kabul offensichtlich eine Unterschicht ohne Interesse am Gemeinwesen und Sinn für verbindliche Regeln eines geordneten Zusammenlebens. Einen sehr zuverlässigen Schutz bieten dagegen die persönlichen Beziehungen zu Nachbarn und Bekannten.

Nachdem nun unsere schwächliche Internet-Verbindung wieder hergestellt ist, stelle ich mit Entsetzen fest, daß die gefärbte Darstellung der Fahrt des US-Konvois, die ich im „Spiegel-Online“ vorgefunden hatte, inzwischen überall in der westlichen Welt verbreitet worden ist. Weitschweifige Betrachtungen über die zukünftige Entwicklung Afghanistans werden damit verbunden: Offenbar sind die Extremisten jetzt auch schon in Kabul in der Lage schwere Unruhen zu provozieren. Dem ist nicht so. Die schlichte Wahrheit durfte nicht gesagt werden: Ein Zug US-Soldaten war damit überfordert, eine ganz gewöhnliche Patrouillenfahrt durchzuführen. Die Soldaten haben durchgedreht und ein Blutbad angerichtet.

Allerdings darf man sich schon Gedanken darüber machen, wie es mit Afghanistan weitergeht. Den Süden haben die US-Truppen bereits vollkommen destabilisiert und an die Islamisten verloren. Natürlich nutzen die einstigen Förderer der Taliban, nämlich Teile des pakistanischen Geheimdienstes und arabische Fanatiker die Möglichkeiten, die ihnen die Amerikaner bieten. Natürlich nehmen sie gerne die Afghanen in ihren Reihen auf, die sich gegen die Plage der US-Soldateska wehren wollen. Sicher spielt auch der Mangel an wirtschaftlichen Perspektiven eine Rolle, der insbesondere für die Zehntausende von demobilisierten Mudschaheddin gegeben ist. Aber ich wage dennoch die Vermutung, daß sich Afghanistan inzwischen beruhigt hätte, wenn die Anti-Terror-Truppen, die ganz überwiegend von den USA gestellt werden, die gleiche Taktik verfolgt hätten, wie die ISAF. Die ISAFTruppen sind überwiegend europäische Truppen, die ursprünglich die Sicherheit der Stadt Kabul sichern sollten. Deren Auftrag ist inzwischen auf die gute Hälfte des afghanischen Staatsgebietes ausgedehnt worden. Die ISAF-Truppen verfolgen eine sehr defensive Taktik, obwohl auch sie bisweilen den Anschlägen von Radikalen ausgesetzt sind. Sie konnten so sehr wirksam zur Stabilität des Landes beigetragen.

Die US-Führung drängt bei der NATO darauf, die ISAF mit ihren Anti-Terror-Truppen zu verschmelzen. Die Länder, die die ISAF-Truppen stellen, setzen diesem Ansinnen hinter den Brüsseler Kulissen ihren Widerstand entgegen. Es wird Zeit, daß sie solchen Wünschen offen entgegentreten. Keine Regierung kann es verantworten, ihre Soldaten zusammen mit dem unprofessionellen US-Militär, das seinen Aufgaben ganz offensichtlich nicht gewachsen ist, in ein gemeinsames Abenteuer zu schicken. Doch die zensierte Berichterstattung über die Irrsinnsfahrt des US-Konvois erlaubt Hoffnung auf eine offene Auseinandersetzung über die Probleme des westlichen Militärs in Afghanistan. Die katastrophale Fehlleistung des US-Konvois wird konsequent vertuscht. Immerhin meldete die BBC, daß es die ISAF-Führung in Afghanistan abgelehnt habe, bei der Wiederherstellung der Ordnung in Kabul mitzuwirken. Die US-Streitkräfte hätten die Unruhen provoziert. Die ISAF wolle damit nicht in Verbindung gebracht werden.

Peter Schwittek (31.05.2006)