Kurze Geschichte Afghanistans

Durch das Gebiet des heutigen Afghanistans sind in der Geschichte viele Völker gezogen. Afghanistan wird daher oft als „Durchgangsland“ bezeichnet. Viele Fremde kamen aus dem Norden oder Westen und wollten in das warme, fruchtbare Indien ziehen. Manche blieben in Afghanistan. Manche brachten die Einwohner um, die sie vorfanden. Andere unterwarfen die Einheimischen „nur“, pressten ihnen ihre Söhne für den Kriegsdienst ab und erhoben Steuern. Afghanistan oder Teile davon gehörten zum persischen Reich und zu verschiedenen indischen Großreichen. Alexander der Große beherrschte das Land. Hunnen und Mongolen fielen ein. Die Araber kamen vom Süden und brachten den Islam.

In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts als ein persisches und ein indisches Großreich zerfielen, gründete der dynamische Ahmad Schah Durrani einen Staat, aus dem sich das heutige Afghanistan entwickelte. In erfolgreichen Kriegszügen entstand ein Reich, das von Buchara bis Kaschmir und Sindh im heutigen Pakistan reichte. Aber seit dem Beginn des neunzehnten Jahrhunderts schwächten Erbstreitigkeiten das Land. Viele Ländereien gingen verloren. Im Norden unterwarf sich das zaristische Russland die Nachbarn Afghanistans. Vom Südosten her schob sich das britische Indien an Afghanistan heran. Schließlich lag nur noch Afghanistan zwischen den Russen und Briten. Beide europäische Großmächte lauerten darauf, sich auch noch Afghanistan einzuverleiben. Die Briten verloren zweimal die Nerven, weil sie meinten, die Russen könnten in Afghanistan die Oberhand gewinnen. Sie marschierten 1839 und 1878 in Afghanistan ein. Dabei bezogen sie die schlimmsten Niederlagen ihrer Kolonialgeschichte. Aber am Ende behaupteten sie doch eine außenpolitische Vormundschaft über Afghanistan, ohne dass sie dieses Land zu einer britischen Kolonie machten. 1919 griffen die Afghanen das britisch-indische Territorium an und erzwangen ihre vollständige Souveränität.

1978 putschten sich in der Sowjetunion ausgebildete Offiziere an die Macht und wollten einen kommunistischen Staat errichten. Sie wollten schnell weitgehende aber vollkommen undurchdachte und unvorbereitete Reformen durchsetzen. Dazu wandten sie sich gegen alle, von denen eventuell Opposition ausgehen konnte. Zehntausende wurden verhaftet und liquidiert. Dagegen entstand schnell militärischer Widerstand der so genannten Mudschaheddin. Die Sowjetunion griff Ende 1979 mit eigenen Truppen ein, um die Herrschaft der afghanischen Kommunisten in ruhigere Bahnen zu lenken und um deren militärische Niederlage zu verhindern. Aber auch diese damalige Weltmacht konnte sich nicht gegen die inzwischen über Pakistan vom Westen massiv unterstützten Mudschaheddin behaupten. 1989 zog sie ihre Truppen ab, unterstützte aber die afghanischen Kommunisten weiterhin. Ende 1991 erlosch die Sowjetunion. Im Frühjahr 1992 gaben auch die afghanischen Kommunisten auf. Die in mehreren Parteien schlecht organisierten Mudschaheddin zogen als Sieger in Kabul ein. Sie waren in der Lage gewesen, einen lokal verankerten Widerstand gegen eine Weltmacht erfolgreich zu fördern. Aber mit dem Wiederaufbau eines Nationalstaates waren sie total überfordert. Ihre Anführer hatten die schlichte Mentalität von Räuberhauptleuten. Sie hatten gewonnen und jetzt gehörte ihnen alles. Sie mussten nur noch die Konkurrenz niederkämpfen. Insbesondere in Kabul spielte sich ein grausamer Bürgerkrieg ab. 1994 entstand im Süden Afghanistans die Bewegung der Taliban. Sie vertrat radikal-islamische Ansichten, die zum Teil frisch erfunden waren und die traditionelle Religionsausübung in Afghanistan in vielen Belangen übertrafen. Aber ihre Anführer waren nicht so korrupt wie die der Mudschaheddin. Sie sorgten für eine gewisse Ordnung. Daher wurden die Taliban zunächst dort begrüßt, wo sie sich durchsetzen konnten. Der Hauptgrund dafür, dass sie im größten Teil des Landes an die Macht kamen, war aber die massive Unterstützung durch Pakistan und arabische Islamisten wie Osama bin Laden.