Der staatliche Neuanfang

Nach den Anschlägen auf das World-Trade-Center und das Pentagon am 11. September 2001 verlangten die USA die Auslieferung des Osama bin Laden, den sie für einen Organisator dieser Anschläge hielten. Als die Taliban das ablehnten, griffen die USA Afghanistan mit dem Einverständnis der Weltgemeinschaft an und vertrieben die Taliban. Die mit ihnen verbündeten Mudschaheddin zogen abermals als Sieger in Kabul ein.

Um den staatlichen Wiederaufbau Afghanistans nicht wieder an der Verantwortungslosigkeit der Häuptlinge der Sieger scheitern zu lassen, wurde ein internationales Truppenkontingent, die ISAF, zu der damals keine Amerikaner gehörten, nach Afghanistan entsandt. Auch Truppen der Bundeswehr waren Teil davon. Die ISAF konnte tatsächlich dafür sorgen, dass eine traditionelle Nationalversammlung stattfand, dass eine vorläufige Regierung gebildet wurde und dass ein Staatspräsident und ein Parlament gewählt wurden.

Leider waren auch andere Truppen entsandt worden, die unter amerikanischer Führung und unter dem Titel „Enduring Freedom“ gegen den Terrorismus kämpfen sollten. Diese Truppen wurden in den paschtunisch besiedelten Gebieten Süd- und Ostafghanistans eingesetzt, weil dort die meisten Taliban hergekommen waren.  Diese Freiheitskämpfer überfielen Dörfer, verschleppten Männer, drangen in die Räume der Frauen ein und tasteten diese nach Waffen ab. Oft wurden bei solchen Aktionen Menschen erschossen. Die Luftwaffe bombardierte Gehöfte, in denen sie Islamisten vermutete. Die Bevölkerung suchte nach Mitteln und Wegen, sich für diese Übergriffe zu rächen. Der pakistanische Geheimdienst versorgte die empörten Männer wieder mit Waffen, und schnell entstand eine neue Taliban-Bewegung, die die westlichen Truppen zu bekämpfen begann. Später nötigten die Amerikaner ihre Verbündeten dazu, die Truppen der ISAF mit denen von „Enduring Freedom“ zu vermischen, sodass die Afghanen nicht mehr feststellen konnten, welche Soldaten die brutalen Überfälle ausführten.

Der zivile „Wiederaufbau“ Afghanistans war wenig erfolgreich, obwohl dafür Milliarden von Dollars von der internationalen Gemeinschaft aufgebracht wurden. Es gab kein Konzept, was in Afghanistan getan werden sollte. Ein Teil der enormen Mittel wurde der afghanischen Verwaltung überlassen, die schon vor Krieg und Bürgerkrieg wenig leistungsfähig war. Jetzt,  nach den brutalen Dezimierungen durch Kommunisten, Taliban und Flucht konnte diese Verwaltung wirklich keine größeren Aufgaben übernehmen. Dennoch tat das Ausland so, als ob die afghanischen Behörden bereits in der Lage seien, ihr Land selber neu zu organisieren. Dass zunächst einmal diese Verwaltung hätte neu aufgebaut werden müssen, um einer so gewaltigen Aufgabe gewachsen zu sein, überging man einfach.

Aber auch das andere Geld, das meist über internationale Organisationen abfloss, versickerte in Inkompetenz und wurde für Alibi-Veranstaltungen verpulvert. Weil man nicht weiß, wie man eine wirksame Tuberkulosebekämpfung aufbaut, hält man über dieses Thema teure Konferenzen im Ausland ab und beauftragt z.B. Experten, für enormes Geld Bücher über die Rechte von Tuberkulosepatienten zu schreiben. So sieht es auf allen Gebieten aus. Wo viel Geld vorhanden ist, das man nicht sinnvoll ausgeben kann, entsteht zwangsläufig Korruption.

Es ist sicher keine Frage, dass die Bildung der Bevölkerung eine ganz wesentliche Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit Afghanistans ist. Doch dieses Feld, das angesichts der schauerlichen afghanischen Unterrichtstraditionen dringend der Anregungen von außen bedarf, hat man ganz der Verantwortung der afghanischen Behörden überlassen. Inzwischen gibt es viele Abiturienten, die weder lesen noch schreiben oder gar rechnen können.