Reformen oder Tradition – eine gefährliche Alternative

Diese Haltung, die Gruppe zu der man gehört, immer als die allerbeste darzustellen, übertragen Afghanen, die sich im Ausland aufhalten, auf ihre Heimat. Es fällt ihnen sehr schwer, zuzugeben, dass es in Afghanistan in mancher Beziehung nicht zum Besten bestellt ist. Seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kamen Afghanen nach Europa, um zu studieren oder um Handel zu treiben. Sie erlebten einen Kulturschock. Sie sahen effiziente Verwaltungen, Fabriken, Krankenhäuser, Universitäten und ein beängstigendes Militär, ja eine Polizei, die tatsächlich für die Sicherheit der Bürger sorgte. In ihrer Heimat gab es nichts vergleichbares. 

Sie schämten sich sehr und sie alarmierten ihre Freunde und Verwandten zu Hause und drängten darauf, Afghanistan zu modernisieren. Dort fanden sie Gehör bei denjenigen, die Einfluss im Staat hatten, denn diese rekrutierten sich aus den gleichen gesellschaftlichen Kreisen wie diejenigen, die sich Reisen in ferne Länder erlauben konnten. Die Regierung modernisierte dann auch. Sie ahmte ausländische Institutionen nach. Die Wehrpflicht wurde eingeführt und Schulen mit einem Klassensystem, in dem Schüler versetzt wurden oder sitzen blieben. Gerichte wurden geschaffen, in denen nach Gesetzbüchern Recht gesprochen wurde, die man aus anderen Ländern übernahm. Diese Neuerungen wurden über das Land gestülpt, wie es die afghanische Verwaltung schon immer mit ihren Verwaltungsakten gehalten hatte. Die Bevölkerung wurde nicht über Sinn und Zweck aufgeklärt. Eine Diskussion fand nicht statt.

Die Mehrheit der Bevölkerung sah nur Nachteile. Man brauchte die Kinder auf den Feldern und wollte nicht, dass sie den halben Tag in der Schule verbrachten. Die Söhne wollte man nicht zum Militär einziehen lassen. Vorteile traten durch die Neuerungen nicht ein. Die Lehrer und Richter waren korrupt. Schulen und Gerichte waren ineffizient. Die heftigsten Gegner der Reformen waren die Mullahs. Früher kamen Jungen, die schreiben lernen sollten, in die Moschee. Jetzt sollten die Kinder in die Schule gehen. Das Gerichtswesen, das bisher in der Hand von religiös geschulten Kazis gelegen hatte, sollte jetzt von weltlichen Richtern und Staatsanwälten betrieben werden. Die Mullahs fühlten sich aus wesentlichen Positionen der Gesellschaft hinausgedrängt. Sie fürchteten, dass man nicht nur sie sondern auch die Religion schwächen wolle. Sie forderten die Bevölkerung auf, die Kinder nicht in die Schule zu schicken. Die breite Mehrheit, zumal die auf dem Lande, lehnte die Reformen ab, die die Regierung verordnete. Man hatte immer versucht, ein gottgefälliges Leben zu führen. Jetzt sollte auf einmal alles so gemacht werden, wie in den Ländern der Ungläubigen.

Besonders eifrig betrieb der König Amanullah, der seit 1919 an der Macht war, die Modernisierung. 1929 wurde er durch einen von den Mullahs geförderten Aufstand gestürzt. Blutige Auseinandersetzungen folgten. Spätere Regierungen waren vorsichtiger und gingen langsamer an Reformen heran. Das erboste eine Gruppe von Fortschrittlern, die sich die Sowjetunion zum Vorbild genommen hatte. Diese Gruppe putschte sich 1978 an die Macht und ging mit brutaler Gewalt gegen ihre politischen Gegner vor. Ein Bürgerkrieg mit ausländischer Einmischung brach über das Land herein. Millionen Afghanen flohen ins Ausland. Hunderttausende kamen um. Gegen Ende des Jahrtausends gewannen die radikalen Taliban die Oberhand. Sie wollten ihr Land ein für allemal von allen Modernisierungen säubern und den echten Islam zurückbringen, wie er angeblich zur Zeit des Propheten gelebt worden war.

Dieser Gegensatz zwischen Modernisierern und Traditionalisten, der auch ein Gegensatz zwischen Stadt und Land ist, besteht nach wie vor. In Afghanistan sind Reformen, die nur von einer städtischen Elite verstanden werden, brandgefährlich. Wenn sich etwas ändern soll, muss es sich auch auf dem Land ändern. Neuerungen, die nicht von der Mehrheit der Mullahs akzeptiert werden, haben keine Chance. Man muss die Mullahs in alle Reformen einbeziehen.