Die Stammesgesellschaft

Der Islam, und in geringerem Maß die Abhängigkeit der Pachtbauern vom Grundbesitzer, prägen das Zusammenleben der Menschen. Vor allem ist die afghanische Gesellschaft aber eine Stammesgesellschaft. Der Einzelne verlässt sich auf den Schutz seiner Familie, seiner Sippe und seines Stammes. Jeder Afghane setzt sich entschlossen für die Belange seiner Familie, seiner Sippe und seines Stammes ein, damit diese stark und geachtet bleiben. Jeder fördert die kleineren Gruppierungen, zu denen er gehört, auf Kosten der größeren. Innerhalb des Stammes sorgt man für seine Sippe, innerhalb der Sippe für seine Familie. So herrscht in einem Stamm nach außen hin ein Zusammengehörigkeitsgefühl, nach innen aber heftige Konkurrenz der einzelnen Familien und Sippen untereinander. Wenn ein Afghane z.B. einen einflussreichen Posten in einem Ministerium hat, wird er versuchen, bei seiner Behörde weitere Mitglieder seines Stammes unterzubringen. Wenn es aber hart auf hart kommt, wird er sogar ein Stammesmitglied rausmobben, um seinem Neffen oder Bruder einen Job zu verschaffen. Die eigene Familie hat Vorrang. Gegenüber Stammesmitgliedern ist man misstrauisch, gegenüber „Fremden“ erst recht. Das Sozialverhalten, das sich so ergibt, erschwert die effiziente Arbeit von größeren Strukturen – Industriebetrieben, Ministerien oder Krankenhäusern – sehr.

Mit Vertretern des Staates macht man kaum gute Erfahrungen. Wie sollte man auch? Sind doch Lehrer, Polizisten oder Richter selber Mitglieder von Stämmen, Sippen und Familien, für die sie mehr Loyalität empfinden als für den Dienstherren oder die Mitbürger. Kurz, Staatsdiener sind oft korrupt. Man hält den Staat aus den eigenen Angelegenheiten heraus. Man schickt die Kinder nicht in die Schule und lässt Rechtsstreitigkeiten von Stammesältesten oder Geistlichen schlichten, aber nicht von staatlichen Gerichten. In vielen Gegenden lassen sich kaum Vertreter des Staates sehen. Afghanistan ist ein Nationalstaat wie Frankreich oder Japan. Es empfängt ausländische Würdenträger mit Ehrenkompanie und Hymne und schließt mit anderen Staaten Verträge ab. Aber seine Regierung hat auf das Leben im Land viel weniger Einfluss als die französische in Frankreich oder die japanische in Japan. Die afghanische Staatlichkeit ist Fassade.

Bei uns spielt der Staat eine wichtige Rolle für unser Zusammenleben. Wir erwarten, dass er für uns etwas tut. Wir haben ein gewisses Vertrauen zum Staat und sprechen vom „Vater Staat“. Der Afghane hat kein Vertrauen zum Staat und seinen Beamten. Aber wie kommt er dann zurecht? Wenn da kein Staat ist, der zuverlässig für die Sicherheit und das Eigentum der Bürger sorgt, der eine Alterssicherung und eine Krankenversicherung organisiert, der Straßen baut und z. B. für den Hochwasserschutz sorgt, wie kann da der Einzelne überleben?

Solange der Afghane klein ist, ernährt ihn seine Familie. Wenn es der Familie schlecht geht, weil z.B. der Vater gestorben ist, nehmen ihn Verwandte in ihre Familie auf. Das wird also von der Sippe geregelt.

Und wenn eine Sippe ein Unheil trifft, z.B. eine Überschwemmung, dann muss der ganze Stamm zusammenhalten und dieser Sippe helfen.

Wenn eine Familie neue Felder erschließen will, muss ein Bewässerungskanal angelegt werden. Der Kanal ist einige Kilometer lang. Er führt vom Fluss weg durch das Gebiet anderer Familien und Sippen. Deren Einverständnis ist nötig. Die Familie muss ihr Vorhaben vor die Stammesversammlung bringen und dort die Billigung der anderen Sippen aushandeln.

Wenn ein Afghane auf seine Felder geht, möchte er das in Sicherheit tun. Wenn er überfallen wird, gibt es keine Polizei. Helfen kann ihm nur seine Sippe. Wenn ihm etwas gestohlen wird oder wenn er gar verletzt oder umgebracht wird, kämpfen seine Verwandten gegen die, die ihm das angetan haben, und verlangen Genugtuung. Das nennt man Blutrache. Solange Familie und Sippe stark sind, kann der Afghane bedenkenlos auf seine Felder gehen. Es wird sich niemand heranwagen. Wenn aber doch jemand aus der Sippe beleidigt, geschlagen oder gar umgebracht wird, gibt es in manchen Gegenden noch heute die Möglichkeit den offenen Kampf mit der Sippe des Täters zu vermeiden. Man kann sich an ein Stammesgericht wenden. Das schlichtet den Fall nach uralten, festen Regeln. Auch die Kosten solcher Schlichtungen stehen fest. Meist kann man sich in solchen Fällen auch an die Polizei und an staatliche Gerichte wenden. Aber Polizisten und Richter sind korrupt. Sie pressen den Konfliktparteien Geld ab und geben dem Recht, der am meisten zahlt.

Das mit der uralten Gerichtsbarkeit hört sich gut an. Aber dieses Rechtssystem leistet weit weniger als das unsere. Es ist ein reines Schlichtungsrecht. Nur wenn beide Seiten bereit sind, vor ein solches Gericht zu gehen und dann auch den Richterspruch akzeptieren, kommt dieses Recht zum tragen. Wenn eine Seite nicht will, ist ein offener Kampf nicht zu vermeiden.

Auch die Stammesversammlungen, auf denen alles besprochen wird, was die Allgemeinheit betrifft, wirken auf den ersten Blick toll. Das ist ja ausgesprochen demokratisch. Ist es schon. Aber die Beschlüsse müssen einstimmig fallen. Ein Beispiel: Nomaden wollen durch das Stammesgebiet ziehen. Eine Mehrheit hält es für gut, zu den Nomaden ein freundschaftliches Verhältnis zu haben. Sie stimmen dafür, den Nomaden den Durchzug durch das Stammesgebiet zu erlauben. Die Stammesmitglieder, durch deren Wohn- und Ackerbaugebiete die Nomaden tatsächlich ziehen wollen, sehen das anders. Das Vieh der Nomaden lässt sich kaum von den Feldern der Einheimischen fernhalten. Oft verschwinden bei einem solchen Durchzug von Fremden landwirtschaftliche Geräte oder Erntegut. Diejenigen die wirklich betroffen wären von dem Durchzug, sind entschieden dagegen. Ein Mehrheitsbeschluss hilft nichts. Es ist keine Polizei da, die eine Minderheit zwingt, den Beschluss der Mehrheit hinzunehmen. Daher kommt es in Stammesversammlungen nur selten zu konstruktiven Beschlüssen.

Wenn ein Afghane alt wird, kann er nicht in Rente gehen. Da hätte man ja vorher in eine vom Staat beaufsichtigte Versicherung einzahlen müssen. Dem Staat überlässt man kein Geld. Der alte Mensch wird von seinen Kindern aufgenommen und versorgt. Wenn die Kinder schon tot sind, kann er bei einem anderen Mitglied der Sippe leben, etwa bei einem Neffen. Solche Unterbringung von alten Menschen oder Kleinkindern in Familien von Verwandten ist meistens eine Belastung für die Verwandten. Das ist nicht so toll – aber besser als gar nichts.

In einer Stammesgesellschaft ist man also ganz von Familie, Sippe und Stamm abhängig. Bei uns leistet die Familie ebenfalls vieles für den Einzelnen. Aber vieles tut auch der Staat. Er sorgt dafür, dass ich in ganz guter Sicherheit lebe. Wenn mich jemand betrügt oder tätlich angreift, kann ich vor ein Gericht gehen. Der Staat organisiert ein System der Alterssicherung und der Gesundheitsversorgung. Er bietet meinen Kindern Gelegenheit etwas zu lernen.

In einer Stammesgesellschaft muss man immer kampfbereit sein. Ein Familienmitglied wird beleidigt, ein Sippenmitglied wird umgebracht. Dann ist kein Staat da, der dafür sorgt, dass der Schuldige bestraft wird. Wenn die Familie oder Sippe das nicht selbst in die Hand nimmt, werden andere davon ausgehen, dass man mit dieser Sippe machen kann, was man will. Die Sippe muss sich rächen, schon um sich weitere Übergriffe zu ersparen. Damit jeder weiß, dass man wehrhaft ist, muss man das ab und zu zeigen, auch wenn kein Grund für irgendwelche Kampfhandlungen vorliegt. Eine Familie muss ab und zu etwas Streit riskieren, damit alle sehen, dass diese Familie sich etwas traut. Einem Nachbarn wird etwas von dem Wasser abgezweigt, das ihm für die Bewässerung seiner Felder zusteht. Es reicht auch schon, dass man jemanden nicht angemessen grüßt. Vor allem muss man Feindschaften pflegen, die es reichlich gibt. Wenn sich die Oberhäupter zweier seit langem verfeindeten Sippen zusammensetzten, um endlich einen seit Jahrzehnten währenden Streit beizulegen, würde man in allen anderen Sippen denken, dass diejenigen, die Frieden schließen wollen, zu schwach oder zu feige sind, ihre Feindschaft fortzusetzen.

Nach außen muss jedes Mitglied einer Sippe oder Familie so tun, als sei bei seinen Leuten alles bestens. Sonst könnten Außenstehende auf die Idee kommen, sich über bestehende Schwächen lustig zu machen oder sie zu ihre Gunsten auszunutzen. Wenn man einen afghanischen Vater danach fragt, wie es seinem Sohn in der Schule ergeht, wird er in aller Regel behaupten, dass der Knabe Klassenbester sei.