Aqela

In unserem Büro in Mazar-e-Sharif tauchte im Sommer 1993 ein höchstens fünfzehnjähriges Mädchen mit einem Säugling auf. Aqela, so hieß das Mädchen, war die Mutter des zwei Wochen alten Kindes. Aqelas ältere Schwester arbeitete als Köchin bei uns. Der Koordinator stellte Aqela als Kindermädchen für den eigenen Sohn ein. Aqela spielte mit dem Kleinkind wie ein Kind mit anderen Kindern spielt.

In Kabul kämpften zu dieser Zeit die Parteien um verschiedene Stadtviertel. Besonders erbittert stritten die schiitische Hizb-e-Wahdat, deren Anhang zum Volk der Hazara gehört, mit der von Arabern finanzierten Etehad des Prof. Sayyaf. Die Etehad war Teil der Regierungskoalition unter Prof. Rabbani. Sie war sunnitisch. Ihre arabischen Berater und Finanziers propagierten sogar den in Afghanistan unbekannten Wahabismus. Auf jeden Fall war die Etehad strikt anti-schiitisch. Sayyaf vertrat die Position, daß Schiiten keine vollwertigen und gleichberechtigten Bürger Afghanistans sein dürfen. Dabei saß er mit der schiitischen Harakat in der Regierungskoalition. Die Hizb-e-Wahdat gehörte ebenso wie die Jombesch-Partei des Usbekenführers Dostam zur Opposition.

Einige Wochen zuvor hatte die Etehad das von der Hizb-e-Wahdat gehaltene Kabuler Siedlungsgebiet der Hazara überrannt, in dem Aqela lebte. Die Rede war von Verrat. Die Kämpfer der Etehad richteten ein Blutbad an. Wer fliehen konnte, floh. Die anderen kamen um. Aqela entkam zu ihrer älteren Schwester nach Mazar. Sie wußte nicht, ob ihre Eltern das Massaker überlebt hatten. Ihr Mann war tot. Das Baby wurde nach den furchtbaren Ereignissen geboren. Der Vater hatte es nicht mehr gesehen.

Erst zwei Jahre später erfuhr ich es genauer: Aqelas Mann war ein bedeutender Kommandant der Hizb-e-Wahdat. Aqelas Bruder war einer von dessen Gefolgsleuten. Der Kommandant zeigte Interesse an der hübschen aber noch sehr jungen Aqela. Dem Bruder schien die Beziehung nicht angemessen. Solange er lebe, werde der Kommandant seine Schwester nicht bekommen, sagte er. Dieses Hindernis war für den Kommandanten nicht unüberwindlich. Er ließ den Bruder umbringen und nahm sich Aqela. Später knüpfte er Kontakte zu Sayyaf. Eines nachts übergab er einen Maschinengewehrposten an andere Kameraden. Das Maschinengewehr hatte er funktionsuntüchtig gemacht. An dieser Stelle griff die Etehad an und brach in das Viertel der Hazara ein. Der Verräter selbst zog in eine Gegend, die von Dostam beherrscht wurde. Die Opposition fand heraus, wie es zu dem Debakel gekommen war. Dostam lieferte den Saboteur an die Hizb-e-Wahdat aus. Aqela wurde Witwe.

Aqela wohnte inzwischen in einem Flüchtlingslager am Stadtrand von Mazar bei ihrer Schwester. Derem Ehemann wurde die Verwandtschaft in der engen Behausung zuviel. Außerdem verhieß eine Wiederverheiratung Gewinn. Täglich stellten sich Freier ein, meist ältere Herren. Die Schwestern taten alles, um eine Heirat zu verhindern. Schließlich bewarb sich ein nicht mehr ganz junger aber fesch aufgemachter Mann. Auf uns Ausländern wirkte er schmierig. Die Schwestern gaben auf und akzeptierten diesen Herrn als das kleinste Übel. Der Mann ging in den Iran und holte Frau und Kind nach. Vermutlich muß Aqela jetzt ein uraltes Gewerbe ausüben.