Die Situation der Frauen im heutigen Afghanistan

Fast alle Einwohner Afghanistans sind Moslems. Vor hundert Jahren gab es keine Frauen in der Öffentlichkeit. Es herrschte strikte Purdah. In den fruchtbaren Flußtälern auf dem Lande, wo die Mehrheit der Bevölkerung lebt, ist das noch heute so. Dort verlassen die Frauen ihre Häuser nur selten und dann ganz verschleiert. Eine Frau besucht eine andere Familie ihrer Sippe nur in männlicher Begleitung – etwa um im Trauerfall zu kondolieren oder um an einem Hochzeitsfest teilzunehmen. In kargen Gegenden, in denen man die weibliche Arbeitskraft auch auf den Feldern benötigt, geraten Frauen zwangsläufig öfter ins Blickfeld von Fremden. Die Feldarbeit läßt sich nicht im Ganzkörperschleier erledigen. In solchen Gebieten leben die Frauen etwas freier. Nomadenfrauen sind immer unverschleiert.

Im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts herrschte die Purdah auch in den Städten. Doch dann wollte der König Amanullah die Frauen vom Schleier befreien. Angeblich wies er die Polizisten an, Frauen dieses Kleidungsstück herunterzureißen, wenn sie sich damit auf der Straße zeigten. Dieses Geschehen ist umstritten. Auf jeden Fall brachte dieser König mit radikal-modernistischen Reformen die Geistlichkeit und große Teile der Bevölkerung so gegen sich auf, daß fanatische Moslems ihn 1929 stürzen konnten. In den fünfziger Jahren wurde dann immerhin der Schleierzwang abgeschafft und die Regierung sorgte dafür, daß sich Frauen unverschleiert in den Straßen der großen Städte zeigen konnten.

Seitdem machte die Emanzipation der Frauen in den Städten schnelle Fortschritte. Sie wurden Lehrerinnen, Beamtinnen, und Ärztinnen. Zum Teil trug dazu paradoxer Weise die Tatsache bei, daß man die Trennung von Mann und Frau in vielen Lebensbereichen aufrecht hielt. So konnte ein männlicher Arzt auch weiterhin keine Frau wirklich untersuchen. Und kaum jemand wagte es, seine Tochter in eine Schule zu schicken, in der Männer unterrichteten. Man brauchte also Ärztinnen und Lehrerinnen. Frauen drangen in alle Bereiche der Universität ein. Dort wurde sogar die Koedukation möglich.

Doch solche Entwicklungen blieben auf die großen Städte beschränkt. Und auch diese wurden nur teilweise davon erfaßt. Wenn etwa 1975 eine ausländische Zeitung berichtete, daß über die Hälfte der Frauen, die man auf den Straßen sähe, unverschleiert seien, so traf das zu – jedenfalls in den Stadtteilen von Kabul, in denen Ausländer lebten. Allerdings waren auch dort keine zehn Prozent der Passanten Frauen.

Die Landbevölkerung hat die Emanzipation der Frauen in den Städten immer mit Mißtrauen und Abscheu beobachtet. Ausländerinnen, die in Dörfern mit Frauen sprachen, berichteten oft, daß die Afghaninnen sich schämten, daß ihre Schwestern in den Städten alleine und unverschleiert einkaufen gingen. Einen weiteren Schub erhielt die städtische Emanzipation unter den Kommunisten. Die Regierung trieb die Entwicklung voran. Frauen besetzten Position von Männern, die in den Krieg geschickt wurden. Und man brauchte auf die Haltung der "zurückgebliebenen" Vettern und Basen vom Land keine Rücksicht mehr zu nehmen, da man von denen durch die militärischen Gegebenheiten getrennt war. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Herrschaft 1992 und vollends nach dem Aufkommen der Taliban haben die Vettern vom Lande die Stadtbevölkerung für diese Entwicklungen böse bestraft. Sie wollten das Sündhafte ein für alle Mal austilgen und auch in den Städten die "guten alten" Zustände wiederherstellen.

Bisher wurde nur über die Rolle der Frau in der Öffentlichkeit gesprochen. Innerhalb der Familien findet eine Aufgabenteilung statt. Frauen und Männer leben getrennt – insbesondere auf dem Land, wo das räumlich möglich ist und wo man meist als Großfamilie zusammenlebt. Die Kontaktmöglichkeiten sind geregelt. Wer hier das Sagen hat, ist von außen schlecht zu beurteilen. Es dürfte von Fall zu Fall verschieden sein. Doch scheint sich die Gruppe der Frauen innerhalb einer Familie oder Großfamilie meist gegenüber den Männern zu behaupten. Süffisant lächelnd behaupten meine Kollegen, daß Offiziere, die vor ihren Untergebenen den strammen Vorgesetzten abgeben, und Mullahs zu Hause ganz besonders unter dem Pantoffel stünden. Das schließt nicht aus, daß eine junge Frau, die in eine andere Familie verheiratet wird, dort die Hölle haben kann, wenn sie nicht "dazu paßt" oder nicht frühzeitig Kinder bekommt. Oft kann die Familie, aus der die Frau stammt, dann einigen Einfluß ausüben, um der Tochter und Schwester das Schicksal zu erleichtern.

Aber dieses in etwa ausgewogene Machtverhältnis innerhalb der Familien hat nichts mit dem Einfluß der Geschlechter auf das Zusammenleben innerhalb des Stammes oder des Staates zu tun. Was außerhalb des Familienbereichs geschieht, regeln die Männer – wobei auch die Möglichkeiten der Männer, an regionalen oder gar nationalen Entscheidungen mitgestaltend teilzunehmen, alles andere als gleichmäßig verteilt sind.

Frauen auf dem Land sind über das, was außerhalb der Familie geschieht, nur mittelbar – und das heißt "schlecht" – informiert. Von allen Entscheidungen sind sie abgeschnitten. Das Entstehen einer "Frauenbewegung" – etwa wegen der Unfähigkeit der Männer für Frieden und Wohlstand zu sorgen – ist unmöglich. Die Frauen verlassen den Bereich ihrer Familie nicht. Sie wissen nicht, wie die Frauen ein paar Häuser weiter denken, die nicht mit ihnen verwandt sind. Es ist unvorstellbar, daß sich Frauen verschiedener Familien irgendwo versammeln, um Meinungen auszutauschen. Fortbildungsveranstaltungen für Frauen, etwa über Säuglingspflege, kann man in Städten oder allenfalls in ärmlichen, entlegenen Gegenden durchführen, nicht aber in den dichtbesiedelten fruchtbaren Tälern auf dem Land.

Nach der Befreiung von den Taliban dauerte es lange, bis sich die ersten Städterinnen wieder unverschleiert zeigten. Die traumatischen Erfahrungen der Taliban-Zeit hatten sie vorsichtig gemacht. Und sie scheinen mit ihrer Behutsamkeit richtig zu liegen. Hat doch auch die neue Regierung wieder restriktive Gesetze erlassen. So dürfen Frauen keine Schlager singen, und das Fernsehen darf keine indischen Filme mehr ausstrahlen. Hier spiegelt sich eine große Unsicherheit. Niemand weiß, wer in einem Jahr an der Macht sein wird. Die UNO war für die Durchführung der großen Versammlung (Loya Dschirga) verantwortlich, auf der im Mai 2002 das Staatsoberhaupt und die neue Regierung bestimmt wurden. Die Versammlung bestand aus 1500 Teilnehmern und Teilnehmerinnen, die in allen Provinzen und sogar unter den Exilafghanen ausgewählt wurden. Große Kriegsfürsten waren nicht zu der Versammlung zugelassen. So war es jedenfalls im November 2001 in Bonn festgelegt worden. Doch wenige Tage vor dem Beginn der Loya Dschirga bestimmte die UNO 50 weitere Männer zu Versammlungsteilnehmern. Zwei von denen waren prominente Kriegsfürsten aus Bürgerkriegszeiten. Der Rest waren Gefolgsleute solcher Herren. Nach eigenen Angaben wollte die UNO dadurch den realen Machtverhältnissen gerecht werden. Diese nachträglichen Ernennungen veränderten die realen Machtverhältnisse aber auf verheerende Weise. Jedermann war Zeuge, wie die UNO vor den finsteren Kräften des Bürgerkrieges einknickte. Es handelte sich bei den nachträglich auserkorenen Herrschaften nicht nur um Männer mit Blut an den Händen, sondern auch um ziemlich reaktionäre Islamisten. Jeder, der jetzt politische Verantwortung trägt, möchte sich rückversichern. Niemand möchte sich eines Tages vorwerfen lassen, er habe unislamische Erlasse herausgegeben. Prompt gab es einige Verordnungen, die glatt von den Taliban stammen könnten.

Dennoch konnten alle Arbeitsstellen, die Frauen angeboten wurden, besetzt werden. Und es ist anzunehmen, daß die Frauen – einige ruhige politische Entwicklung vorausgesetzt – in einem oder zwei Jahren in etwa wieder dort stehen werden, wo sie vor Krieg und Bürgerkrieg standen. Im Augenblick sind die Arbeitsmölichkeiten für Frauen und Männer schlecht. Es ist kein Bereich zu erkennen, in dem ein besonderer Bedarf an der Arbeit von Frauen bestünde.

In dieser Lage spielen die Hilfsorganisationen – die ausländischen und afghanischen NGOs (Non-Governmental Organisations) sowie die UN-Agenturen – eine wichtige Rolle auf dem Arbeitsmarkt. Viele von ihnen sind finanziell gut ausgestattet. Die meisten werden von ihren Geldgebern und Zentralen gedrängt "Frauenprogramme" durchzuführen und in ihren Projekten und Verwaltungen Frauen zu beschäftigen. Solche Programme müssen die Hilfsorganisationen dann öffentlichkeitswirksam in Szene setzen. Die Öffentlichkeit vor der man wegen Frauenprogrammen auf die Pauke haut, ist zwar die der Geberländer, aber auch in Afghanistan wird über Aktivitäten für oder mit Frauen gerne triumphierend berichtet.

Im Dezember 2001, kurz nach der Vertreibung der Taliban, tummelten sich Hunderte von Journalisten in Kabul. Ausländische Hilfsorganisationen strömten herbei und hofften auf das große Geld, das ihre Regierungen bereitstellten. Eine provisorische afghanische Regierung war in Bonn bestimmt worden und übernahm die Geschäfte. Damals erzählten afghanische Kollegen folgendes: Die Leiterin eines Kabuler Krankenhauses war Gesundheitsministerin geworden. Jetzt lud sie alle Mitarbeiterinnen ihres Krankenhauses zu sich in das Ministerium ein. Alle Frauen erschienen verschleiert. Das war damals – kurz nach dem Verschwinden der Taliban – üblich. Die Ministerin bat die ehemaligen Kolleginnen, den Schleier abzulegen. Sie zögerten. Da bot die Ministerin jeder Frau, die den Schleier ablegte, 50 $ an. Das Argument überzeugte. Eine nach der anderen zeigte ihr Gesicht. Als alle Schleier abgelegt waren, forderte die Ministerin die ehemaligen Kolleginnen auf, auf den Flur hinauszutreten, wo der Zahlmeister mit den Dollars schon warte. Sie gingen in den Flur. Doch statt des Zahlmeisters erschien ein Rudel westlicher Fotoreporter und begann begierig auf die Frauen einzublitzen.

Man darf nicht jedes Gerücht glauben, das man in Kabul hört. Aber auch wenn es nicht zutrifft, gibt es oft Auskunft darüber, was die Menschen bewegt. Auch Städter müssen dafür sorgen, daß sie von der Öffentlichkeit als Gebieter ihrer Ehefrauen und Töchter wahrgenommen werden. Sonst verliert ihre Familie jedes Ansehen. Die meisten Männer billigen, daß ihre Töchter zur Schule gehen. Viele dulden sogar, daß ihre Frauen Geld verdienen. Aber sie leiden darunter. Der Lohn der Frau ist willkommen. Aber am liebsten würde der Mann mitgehen, damit nichts geschieht, was mit der Ehre der Familie nicht vereinbar ist. Allein die Tatsache, daß seine Frau in einem Büro das tut, was ein fremder Mann ihr aufträgt, schmerzt den Ehemann. Und wenn derjenige, der über seine Frau verfügt, ein Ausländer ist, so ist es um so schlimmer. Der Fremde fährt ein protziges Geländefahrzeug. Er gebietet über Berge von Geld. Er kann andere Menschen einstellen und entlassen. Er reist mit dem Flugzeug in ferne Länder. Er kann täglich essen, was er gerne mag. Kurz, der Ausländer ist um so vieles potenter als der arme afghanische Ehemann. Man muß sehr sensibel mit solchen Verhältnissen umgehen. Im Nu ist ein Verdacht erregt. Und während der brave Ehemann sich noch Sorgen macht, verbreiten falsche Freunde schon irgendeine üble Nachrede über seine Frau, die er zu einem Ausländer arbeiten geschickt hat.

Noch größer als das Mißtrauen des familiären Umfeldes ist der Argwohn der Landbevölkerung gegenüber berufstätigen Frauen in den Städten. Die Menschen auf dem Land haben dieses Phänomen schon vor dem Krieg nicht verkraften können. Und es ist nichts geschehen, was ihre Einstellung geändert hätte. Wir tun der afghanischen Gesellschaft und insbesondere den afghanischen Frauen keinen Gefallen, wenn wir uns darum bemühen, die Position der Frauen in den Städten weiter zu stärken – etwa wenn wir darauf drängen, mehr Frauen in Spitzenpositionen zu beschäftigen.

Die einzige Möglichkeit, zur Emanzipation der afghanischen Frau beizutragen, ohne die Gesellschaft weiter in den gefährlichen Gegensatz zwischen "modernen" Städtern und "zurückgebliebener" Landbevölkerung aufzuspalten, besteht darin, die Verhältnisse auf dem Land vorsichtig zu verändern. Vor dem Krieg waren Schulen die Institutionen einer fernen Regierung, der man grundsätzlich mißtraute. Die Kommunisten nutzten die Schulen, um gegen den Islam zu polemisieren. Auf dem Land wurden sie auch deshalb bald vertrieben. Oft wurden Schulgebäude in die Luft gesprengt. Doch wenige Jahre später besann man sich und sah ein, daß Lesen, Schreiben und Rechnen nützlich sind und für sich allein genommen keinen Schaden verursachen. Vielerorts versuchte man mit eigenen Mitteln oder mit ausländischer Hilfe Schulen zu betreiben. Solche Schulen unterlagen jetzt der sozialen Kontrolle durch die Menschen der Gegend. Die lokalen Geistlichen und Kommandanten schauten herein und stellten fest, daß Schulen harmlos sind. So kam auf dem Land bald der Wunsch nach Mädchenschulen auf. Während des Krieges entstanden in vielen Orten elementare Mädchenschulen, wo es früher nicht einmal Jungenschulen gegeben hatte. Die Bereitschaft, Mädchen in die Schule zu schicken, ist heute auf dem Land viel größer als etwa vor dreißig Jahren. Und wenn Mädchen in die Schule gehen, läßt man sie lieber von Frauen als von Männern unterrichten. Hier kann auf dem Land eine Bresche für die Berufstätigkeit der Frau geschlagen werden. Und wenn in einem Dorf einige Jahre eine Mädchenschule gearbeitet hat, wird es möglich sein, mit Hilfe der Lehrerin behutsam weitere Aktivitäten durchzuführen, die Frauen betreffen, etwa Mikro-Kredit-Programme, in denen Frauen mitarbeiten können, ohne zunächst ihr Gehöft zu verlassen, oder Bildungsmaßnahmen.

Es wäre jetzt leicht, eine ganze Reihe von Hindernissen aufzuzählen, die sich solchen Bemühungen entgegenstellen. Aber mit Geduld und Einfühlsamkeit sind Fortschritte zu erzielen. Mädchenschulen sind auf jeden Fall ein Einstieg. Doch sollte man dann erst einmal Geduld haben. Erst wenn sich ein solides Vertrauensverhältnis zwischen Bevölkerung und Schule herausgebildet hat, kann man an weitere Projekte denken. Dabei sollte ruhig das wirtschaftliche Interesse der Männer eingeplant werden. Doch auch dann wird man nur kleine Schritte vorankommen und immer wieder warten müssen, bis die große Mehrheit der Bevölkerung die Vorteile eines neuen Programmes kennen und schätzen gelernt hat.

Solche langfristig angelegten Entwicklungsstrategien sind mit den jetzt über Afghanistan hereingebrochenen Hilfsprogrammen nicht zu machen. Geld kann man bekommen. Doch das muß schnell ausgegeben werden. Erfolge müssen bald vorgezeigt – oder vorgetäuscht – werden. Eine prinzipiell zeitlich unbegrenzt arbeitende Institution wie eine Schule unterstützt man nicht. Schulen sind ohnehin Angelegenheit der afghanischen Regierung. Daß die afghanische Regierung kein Geld hat, um sich um kleine Mädchenschulen im ländlichen Raum zu kümmern, dafür können doch die ausländischen Helfer nichts. Diese können sich zwar vorstellen, daß Mädchenschulen ein sehr geeignetes Instrument sind, die wichtige Emanzipation von Frauen und Mädchen auf dem Land zu fördern. Doch ihre instutionellen Geldgeber dürfen sie mit solchen langwierigen Vorhaben nicht belästigen. Auch müßten die Helfer, um aus solchen Programmen etwas zu machen, selber oft aufs Land reisen und mit den Leuten dort palavern. Dadurch könnten sie wichtige Koordinierungssitzungen mit anderen ausländischen Komitees versäumen. So werden lieber kurzatmige Frauenprogramme in der Stadt durchgezogen. Wenn man für solch’ ein Programm einen Antrag stellt oder wenn man darüber berichtet, muß man allerdings penibel darauf achten, daß in jedem Absatz mindestens einmal das Wort "nachhaltig" vorkommt.

Peter Schwittek