Häusliche Herrschaft

Unsere afghanischen Kollegen waren in Pakistan auf Lehrgängen gewesen. Sechs Tage lang hatten wir dann noch gebraucht, um von Quetta aus endlich die Klinik im südlichen Hazarajat zu erreichen. Dort schliefen sich die Kollegen erst einmal aus. Danach machte sich einer von ihnen nach Hause auf. Die anderen blieben auch die nächste Nacht in der Klinik. Ja, was war denn mit den Burschen los? Wochenlang waren sie von ihren Familien getrennt. Und jetzt lungerten sie noch tagelang in der Klinik herum, bevor sie sich nach Hause bequemten.

Nun, was erwartet einen heimkehrenden Mann in seiner Familie? Er wird seinen Vater treffen und seinen Bruder, die im Hause leben. Wahrscheinlich werden zur Begrüßung einige Gäste kommen – ein Onkel, drei Nachbarn, zwei Vettern. Von diesen Männern wird der Heimkehrer das Wichtigste erfahren, was im heimischen Dorf und in der Verwandtschaft passiert ist: Es gab einige Todesfälle und Hochzeiten, ein Mann ist nach Pakistan gezogen, ein anderer arbeitet jetzt in Arabien. Im Dorf gibt es Streit um die Nutzung des Wassers. Zwei Familien sind deshalb verfeindet. Man selber ist auch etwas betroffen, denn man entnimmt das Wasser dem gleichen Kanal. Das alles ist interessant und relativ wichtig. Der Mann orientiert sich. Vielleicht sollte er in den nächsten Tagen den einen oder anderen besuchen, um die Beziehungen zu den entsprechenden Familien unter Kontrolle zu halten.

Dann geht er zu den Frauen. Da ist die Mutter und die eigene Frau – in manchen Fällen sind zwei eigene Frauen da. Dann gibt es noch eine Großtante, eine Schwägerin, zwei minderjährige Schwestern und jede Menge Kinder. Was kann man hier erfahren? Die Schwägerin ist wieder schwanger. Ein Kind ist krank und muß zum Arzt gebracht werden. Das muß der Mann erledigen. Die Mutter, die die Speisevorräte verwaltet, mahnt an, daß Zucker und Salz beschafft werden müssen. Auch muß eine Tür repariert werden. Der Mann teilt den Frauen mit, daß er in einigen Tagen den Besuch einiger Kollegen und anderer Gäste erwartet, etwa 15 Mann. Die Frauen müssen das Gastmahl richten. Die Einzelheiten bleiben ihnen überlassen. Insgesamt gibt es wenig, was die Frauen zu erzählen hätten, und was den Mann ernsthaft interessierte. Wenn er leutselig ist, berichtet er von Quetta. Elektrizität hat man dort und Fernsehen, Kino, Kühlschränke und Eisenbahnen. Die Frauen staunen. Aber für ihr Leben brauchen sie dieses Wissen nicht. Der Mann hat einige Kleidungsstücke und Taschen als Geschenke mitgebracht. Man freut sich darüber. Es ist schön, daß er wieder da ist. Aber viel zu sagen hat man sich nicht.

Die Frauen regeln ihr Zusammenleben allein. Allerdings gibt es hier und da Probleme zwischen den alteingesessenen Frauen und den hereingeheirateten oder zwischen der ersten und zweiten Frau eines Mannes. Wenn sich die Eingeheirateten dann an ihre eigenen Väter und Brüder wenden, ist ein gefährlicher Streit zwischen den Familien fällig. Doch meist sind die eingeheirateten Frauen nach einigen Monaten gut integriert.

Die Frauen leben in Haus und Hof und die Männer treiben sich oft draußen herum. Wenn Männer zu Hause sind, halten sie sich lange im Gästeraum auf, der von den Räumen, in denen sich die Frauen aufhalten, getrennt ist. Wer hat das nun im Hause „das Sagen“? In der Regel setzen sich diejenigen durch, die den Heimvorteil haben. Das sind die Frauen. Ihre Pflicht ist es, dafür zu sorgen, daß in Haus und Hof alles stimmt. Dazu muß auch der Mann beitragen. Er muß aber außerdem die Außenbeziehungen der Familie pflegen. Und er muß sich um die Felder kümmern bzw. einem Beruf nachgehen. Die Frauen konzentrieren sich ganz auf ihren Bereich. Sie sorgen dafür, daß der Mann seine Aufgaben für Haus und Hof erledigt. Vernachlässigt er diese, so setzen sie ihm energisch zu.

Wenn meine Kollegen von zu Hause berichten, hat man den Eindruck, daß sie alle unter dem Pantoffel stehen. Viele Männer haben jetzt keine Arbeit. Zu Hause halten ihnen ihre Frauen dieses „Versagen“ immer wieder vor. Solche Männer verbringen viel Zeit in der Moschee, wo sie mit Männern in gleicher Lage klönen können. Die Moschee ist ihnen ein Zwischending zwischen Kneipe und Männerhaus.

Am schlimmsten kuschten Offiziere und Mullahs vor ihren Frauen, meint ein Freund, der es wissen muß. Er war im Krieg gegen die Kommunisten selber ein größerer Kommandant gewesen. Neulich besuchten wir ihn auf dem Lande. Es war warm und wir hatten uns aus dem eigentlichen Gästezimmer in einen kleinen, kühleren Nebenraum zurückgezogen. Eine Tür dieses Raumes konnte man zum Innenhof hin öffnen. Von dort drang Lärm zu uns herauf: Frauen, Kinder, Hühner, Ziegen – alles schimpfte, lachte, meckerte und gackerte durcheinander. Unser Gastgeber meinte uns diese Lebensäußerungen ersparen zu müssen. Er riß die Tür auf und rief ein paar energische Worte in den Hof hinunter. Einen Augenblick lang wurde es ruhig und eine einzelne Frauenstimme antwortete ihm. Er schloß die Tür und während der Lärm wieder anschwoll, teilte er uns mit, daß er jetzt runterginge, weil er Holz hacken müsse.