Medizinisch-Theologisches

Es geschah in den Siebziger Jahren. Meine Frau und ich hatten in der Wardak-Provinz Abdullah besucht, einen befreundeten Studenten der Naturwissenschaften. Abdullah begleitete uns zurück nach Kabul. Wir hatten Zeit und machten einen großen Umweg, um die Dasht-e-Nawur zu sehen. Es stellte sich heraus, daß Abdullah sehr wenig von seiner Heimat kannte. Nicht einmal die Buddhas von Bamian hatte er gesehen. Da wir den Hilmend frühzeitig erreichten, beschlossen wir, noch einen Tag dranzuhängen und nach Bamian zu fahren. Doch als der Anstieg zum Hadschigak- Paß richtig begann, hatte unser VW-Bus einen platten Reifen. Wir bekamen das Rad nicht ab. Keine Schraube rührte sich. Ein Nomade zog mit einigen Schafen vorbei. Vergebens bemühte auch er sich um das Rad. Dann schlug er vor, wir sollten bei seinen Leuten übernachten. Wir könnten Motoröl auf die Schrauben kippen. Dann gingen sie morgen leicht ab. Und tatsächlich standen hinter der nächsten Bergnase, kaum hundert Meter entfernt, Kutschizelte. Kutschis heißen die paschtunischen Nomaden in Afghanistan. So schliefen wir im Fahrzeug in unmittelbarer Nähe der Zelte. Am nächsten Morgen half das Motoröl aber nicht weiter. Alle Männer aus den Kutschizelten versuchten es. Drei der fünf Schrauben gingen ab. Dann gaben wir auf. Ich mußte tags darauf arbeiten. So hoffte ich auf ein Fahrzeug, das über den Hadschigak kam und nach Kabul fuhr. Mit dem wollte ich mitfahren und einen LKW herschicken, der unseren VW-Bus nach Kabul bringen sollte.

Aber es kam kein Fahrzeug. Ganz oben, unterhalb der Paßhöhe, war ein weiteres Kutschizelt zu sehen. Von dort stiegen einige Männer zu uns herab, darunter ein Mullah mit einem riesigen weißen Turban. Ein Bauer, ein Hazara, kam aus einem Gebirgsdorf. Der Mullah habe ihm einen Esel verkauft, der entgegen allen Versprechungen krank und schwach sei. Für ernsthafte Arbeit sei er nicht zu gebrauchen, beschwerte sich der Bauer. Der Mullah gestikulierte. Die anderen Kutschis wandten sich ab. Sie wollten mit dem Handel nichts zu tun haben. Die Vorwürfe des Bauern waren wohl berechtigt. Dann setzte sich der Mullah zu mir. Er erzählte, daß es jetzt im September da oben, unterhalb der Paßhöhe, schon empfindlich kalt sei. Er wies auf meine Socken und seine nackten Füße. Ich schenkte ihm die Socken. Als Abdullah das sah, wurde er zornig. Ich könne doch diesem Gauner nicht die schönen Socken geben. Doch die Socken hatten den Besitzer schon gewechselt.

Der Mullah hatte von dieser Auseinandersetzung in Englisch nichts verstanden und wandte sich nun Abdullah zu. Abdullah ist fromm. Außerdem ist er ein eingebildeter Kranker. „I have liver“ behauptet er ständig. Er meidet fette Speisen. Auch Tee lehnt er ab, weil der seiner angeschlagenen Leber schade. Er trinkt nur warmes Wasser. Dabei hatten mehrere gute Ärzte Abdullas Leber für absolut gesund erklärt. Natürlich sprach er auch mit dem Mullah über sein Gesundheitsproblem. Der Mullah holte eine Hühnerfeder hervor, sprach einige Worte aus dem Koran, und strich mit der Feder mehrmals über Abdullahs rechtes Ohr. Dann blies er ihm in dieses Ohr, und die bösen Geister verließen den Körper durch das linke. Solche Dienstleistungen wollen bezahlt sein. Abdullah entledigte sich ebenfalls seiner Socken und reichte sie dem Mullah. Allerdings hat Abdullah auch heute noch „Liver“.

Bis zur Mittagszeit hatten wir es immer mal wieder versucht und konnten eine weitere Schraube entfernen. Aber die letzte gab nicht nach. Ihr Sechskantkopf war von den vielen Versuchen vollkommen rund, und auch der Schraubenschlüssel war angeschlagen. Am frühen Nachmittag kam endlich ein russischer Kleinlaster voller Touristen über den Paß. Der Fahrer erkundigte sich nach unserem Problem. Dann holte er einen riesigen Eisenkeil aus seinem Fahrzeug. Sein Beifahrer setzte diesen genau senkrecht auf den Kopf der widerborstigen Schraube. Der Fahrer brachte einen gewaltigen Vorschlaghammer und schlug damit wuchtig auf das Ende des Keils, während sein Kollege den Keil gottergeben hochstellte. Nach vier solcher Schläge wurde der Keil abgesetzt. Im Schraubenkopf hatte sich eine Kerbe gebildet. Der Beifahrer setzte den Keil wieder auf die Kerbe, allerdings nicht ganz senkrecht sondern leicht angewinkelt. Der Fahrer führte abermals vier Rundschläge. Dann ruckte die Schraube einen Millimeter. Sie hatte verloren.

Drei Wochen später hatten wir Besuch und zeigten diesem Bamian und Band-e-Amir. Auf dem Rückweg fuhren wir über den Hadschigak-Paß. Unsere Kutschi-Freunde hatten das Sommerlager schon geräumt. Doch auf dem weiteren Heimweg trafen wir sie auf dem Unai-Paß. Sie hatten ihre Zelte auf einen LKW getürmt. Ganz oben drauf saßen Frauen und Kinder. Das Fahrzeug schaukelte die Serpentinen hoch. Die würdigeren der Männer schritten hinterdrein. Die jungen Burschen trieben derweil irgendwo anders das Vieh in Richtung Osten. Wir winkten uns freudig zu. Dann zog der VW-Bus an dem LKW vorbei. Am Fuße des Unai-Passes liegt das Dorf Siakhak, das damals aus wenigen Häusern, einigen Serails und einigen Teestuben bestand. Dort kehrten wir ein.

Sofort war ein Einheimischer bei uns und klagte über Zahnschmerzen. Ich sagte ihm, daß wir keine Ärzte seien. Wenn er Zahnschmerzen habe, müsse er nach Kabul gehen und sich behandeln lassen. - Ob wir denn nicht irgendwelche Tabletten hätten. Vor ein paar Tagen sei ein anderer Deutscher hier gewesen. Der habe ihm zwei Aspirintabletten gegeben. Er zeigte sie mir. Die seien gut gegen akute Schmerzen, erklärte ich. Aber dauerhaft helfen könne nur ein Zahnarzt. Wir hatten für die kurze Reise keine Medikamente eingepackt und wollten uns nicht auf Krankenpflege einlassen.

Inzwischen trafen die Kutschis ein und stellten den LKW im nächsten Serail ab. Dann wollten einige von ihnen mit uns einen Tee trinken, allen voran der Mullah. Sofort wurde auch er von dem Zahnpatienten bedrängt. Die Hühnerfeder tauchte auf. Die Koransprüche wurden aufgesagt. Das rechte Ohr wurde mit der Feder berührt. Schließlich wurden die bösen Geister vom rechten Ohr her aus dem Kopf hinausgeblasen.

Und womit wurden diese Dienste diesmal entlohnt? Mit zwei Aspirintabletten.