Die Staatssekretärin

Wir hatten den Vertrag ausgehandelt. Ein Text war gefunden worden, dem beide Seiten zustimmen konnten. Doch nun fragte der Minister: „Hätten Sie etwas dagegen, daß meine Stellvertreterin den Vertrag unterzeichnet?“ Warum das? Wieso wollte er nicht selber unterschreiben? Er nickte mir zu. Ich konnte nicht ablehnen. So besuchten wir einige Tage später die Staatssekretärin. Zwei afghanische Kollegen begleiteten mich, die als Dolmetscher einspringen konnten, wenn es knifflich würde.

Doch die Staatssekretärin begrüßte uns auf Deutsch: „Ich habe 22 Jahre in Deutschland gelebt. Damals, als hier die Kommunisten an die Macht kamen, sind wir geflohen. Mein Mann hat in Deutschland umgelernt und wurde Berufsschullehrer. In einem Jahr wird er pensioniert. Vielleicht kommt er danach auch her. Aber wissen Sie – ich glaube nicht, daß ich das hier noch lange aushalte.

Nein, der Ramasan jetzt – das ist nicht so schlimm. Daran müssen wir Moslems uns halten. Damit komme ich zurecht. Aber die Arbeit stößt auf viele Widerstände. Ich stamme aus Kandahar. Ganz früher habe ich dort ein Fraueninstitut geleitet. Deshalb hat man mich im Frühjahr als Auslandsafghanin zur Loya Dschirga [der großen Versammlung, die die Spitzen der jetzigen Regierung bestimmte] eingeladen. Der Staatspräsident Karzai ist ja auch aus Kandahar. Er kannte mich noch. Ich habe ihm eine Medaille von der deutschen Wiedervereinigung überreicht, und er bat mich, in Afghanistan eine Aufgabe zu übernehmen. So wurde ich Staatssekretärin.

Wenn meine Familie in Deutschland nicht abgesichert wäre, könnten wir uns das hier nicht leisten. Die unterstützen mich. Ich verdiene im Monat umgerechnet 41 $. Das reicht nicht für die Wohnungsmiete. Und ich kann ja als Frau nicht einfach alleine in Kabul leben. So ist ein Schwager mit seiner Frau aus Farah hergezogen. Die wohnen bei mir. Sonst kenne ich hier niemanden. In Kandahar gibt es wahrscheinlich noch ein paar Verwandte und Freunde, obwohl die meisten auch irgendwann irgendwohin geflohen sind. Aber Kabul ist eine ganz fremde Stadt für mich. Ich fühle mich hier unsicher. In Deutschland habe ich überall Freunde und Bekannte, aber hier ... Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte.“

In meiner Verlegenheit erzählte ich ihr, daß ich im Dezember nach Hause fliegen würde. Das hätte ich ihr ersparen sollen. So mußte sie darauf eingehen: „Nach Hause – ich hoffe, daß wir das im Januar schaffen. Das kostet ja über 700$. Die bringt meine Familie frühestens im Januar auf. Und dabei wäre ich so gerne Weihnachten zu Hause. Diese Stimmung und die Geschenke ... und das eine Lied hat mir immer ganz besonders gefallen.“