Stadt und Land

Seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts reisten immer mehr Afghanen, die zur städtischen Mittel- und Oberschicht gehörten, nach Europa oder in die USA. Dort sahen sie Fabriken, die preiswert gute Qualitäten produzierten, Krankenhäuser, in denen wahre Wunder der Heilung vollbracht wurden, ein beängstigend modern ausgerüstetes und ausgebildetes Militär, eine korrekte und effiziente Verwaltung, eine Polizei und ein Justiz-system, die den Menschen ein friedliches Zusammenleben sicherten, sowie Schulen und Universitäten, in denen jeder Bürger sehr viel lernte. Für die Afghanen war das ein Kulturschock. Tiefe Zweifel an den Regeln des Zusammenlebens in der Heimat kamen auf. Ihre Berichte verunsicherten die Freunde und Verwandten zu Hause. Man schämte sich seiner vermeintlichen Rückständigkeit. Afghanistan musste radikal verändert werden. Schnelle Fortschritte mussten her.

Solche Forderungen wurden laut. Da sie aus Kreisen kamen, aus denen sich auch Regierung und Verwaltung rekrutierten, führte der afghanische Staat Reformen durch. Diese bestanden meist darin, dass man ausländische Einrichtungen übernahm. Schulen wurden eingeführt, in denen es Jahrgangsklassen gab, und in die alle Kinder gehen sollten. Eine Wehrpflichtarmee entstand. Gerichte wurden geschaffen und Gesetzbücher - alles nach europäischem Muster. Dennoch ging es vielen Städtern nicht schnell genug mit dem Fortschritt.

Doch selbst in den Städten waren diese Modernisten eine Minderheit. Die kleinen Händler und Handwerker sahen nicht ein, warum reformiert werden musste. Die Bauern auf dem Land erfuhren nur wenig und spät von den meisten Neuerungen. Verständnis dafür hatten sie keins. Die Institutionen, die man aus dem Ausland importiert hatte, arbeiteten bei weitem nicht so effektiv, wie man gehofft hatte. Korruption und Vetternwirtschaft blockierten ihr Wirken. Wehrpflicht und Schulpflicht nahmen den Familien die Kinder weg, die sie bei der Arbeit brauchten. Was sollte der Plunder, den man den Ungläubigen abgeschaut hatte?

Schließlich zerfielen die Modernisten in die verschiedensten Fraktionen, die sich an unterschiedlichen gesellschaftlichen Modellen orientierten. Einige Fraktionen träumten von der Sowjetunion, andere von China, und wieder andere von westlichen Ländern. Alle aber bekämpften sich untereinander verbissen. Die Reformer blockierten sich gegenseitig und diskreditierten ihr Anliegen vor der Mehrheit der Bevölkerung.

Am kritischsten war der Klerus. Die Mullahs hatten bis dahin einige Hebel der Macht in der Hand gehabt. Recht wurde nach der Scharia gesprochen, dem Islamischen Verhaltenskodex. Jetzt gab es staatliche Gerichte. Früher kam die Jugend morgens zur religiösen Unterweisung in die Moscheen. Bei manchen Mullahs konnten Kinder auch etwas schreiben und lesen lernen. Jetzt beanspruchte der Lehrer die Jugend für sich. Die Geistlichen sahen, dass ihr Einfluss eingeschränkt wurde und zeigten ihren Unmut. Die Regierung verstand, dass vor allem von den Mullahs Widerstand gegen Reformen zu erwarten war. Sie hielt es für klug, dem Klerus weiteren Einfluss zu nehmen. Mullas sollten ganz auf die Moscheen beschränkt werden. Die Geistlichen fürchteten, daß die Regierung mit ihnen den Islam verdrängen wolle. "Wenn wir, die Schützer und Wahrer des Islam, aus der Gesellschaft herausgedrückt werden, wird auch der Islam Schaden nehmen." sagten sie sich. Die Moscheen wurden zu Zentren der Unzufriedenheit über die Regierung.

Frauen hatten sich früher nicht in der Öffentlichkeit gezeigt. Wenn sie das Haus verließen, trugen sie einen Ganzkörperschleier. Alles andere hätte die Ehre der Familie ruiniert. Im Ausland liefen Frauen unverschleiert durch die Straßen. Sie gingen alleine einkaufen und übten Berufe aus. So sollte es in Afghanistan auch sein, wollten die Reformer. Damit griffen sie tief in das Leben jeder Familie ein. Es kostete Mühen, bis die ersten Frauen ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zeigen konnten. Allmählich ergriffen dann Frauen aus "modernen" Familien auch Berufe und ihre Töchter begannen zu studieren. Der größere Teil der Stadtbevölkerung und erst recht die Menschen auf dem Land hielten diese Neuerung für einen Anschlag auf die Sittlichkeit. Die große Masse der Frauen verließ auch weiterhin das Haus kaum - und wenn, dann nur vollkommen verschleiert.

Der Graben zwischen den Afghanen, die ihr Land schnell modernisieren wollten, und den anderen, die darin eine Bedrohung ihrer Kultur und ihrer Identität sahen, vertiefte sich immer mehr. Die Konservativen begannen ihre "modernen" Landsleute zu verachten und zu hassen. Diejenigen, die den Fortschritt bringen wollten, hassten und verachteten die uneinsichtigen "Reaktionäre", die Afghanistan so lassen wollten, daß man sich dafür schämen musste: die Bauern, die Dorfältesten und vor allem die Mullahs.

In den Städten begann man moderne Industrien anzusiedeln. Auf dem Land gab es nach wie vor nur Landwirtschaft. Niemand entschloss sich, jenseits der Städte zu investieren. Kein Ingenieur, kein Unternehmer zog mit seiner Familie in ein Dorf oder auch nur in eine Bezirkshauptstadt. Dort gab es bestenfalls eine schlechte Schule für Jungen, aber keine für Mädchen. Auch ärztliche Versorgung gab es da draußen nicht. Ein Arzt ließ sich dort nämlich auch nicht nieder - ebenfalls wegen der Erziehung der Kinder. Das geistige Leben in Stadt und Land entwickelte sich sehr verschieden - besser: In der Stadt fand eine Entwicklung statt, auf dem Land keine.

Nur wenige staatliche Institutionen fassten auf dem Land Fuß. Schulen wurden nur dort eröffnet, wo die Regierung genügend Macht besaß. Doch in manche Gebiete Afghanistans wagte sich kein Regierungsbeamter. Krankenhäuser gab es kaum, denn es kam kein Arzt. Schon in den fünfziger Jahren erreichte ausländische Entwicklungshilfe Afghanistan. Für die meisten fremden Helfer waren die Lebensbedingungen auf dem Land zu extrem. In den Städten gab es auch viele Aufgaben. Dass Ausländer allein oder in kleinen Gruppen in der Provinz arbeiteten, mochte auch die Regierung nicht. Dort konnte sie die Fremden weder kontrollieren noch schützen. Allerdings kamen einige landwirtschaftliche Großprojekte zustande. Dort lebten die Ausländer kaserniert und setzten bisher unbekannte Produktionsweisen neben die herkömmlichen ländlichen Strukturen. Doch der Schwerpunkt der ausländischen Unterstützung lag eindeutig in den Städten. Ohne es zu beabsichtigen, vertiefte die Entwicklungshilfe den Gegensatz zwischen Stadt und Land.

Diejenigen, die Afghanistan modernisierten, konnten sich das Land nur als straffen Zentralstaat vorstellen. Provinz- und Bezirksverwaltungen durften praktisch keine Entscheidungskompetenz haben. "Denen da draußen" fehlte es an der nötigen Bildung, um die richtigen Entscheidungen zu fällen. Auch zweifelte man am Willen lokal verankerter Behörden, Modernisierungen durchzusetzen. Provinz- und Bezirksregierungen waren reine Vollzugsorgane der Zentralregierung.

Von der einheimischen Bevölkerung wurden die auf dem Land etablierten Behörden und sonstigen Regierungseinrichtungen, wie Schulen oder meteorologische Stationen, als etwas Feindliches, von einer fernen Herrschaft Aufgezwungenes empfunden. Man lehnte sie schon deshalb ab. Das zeigte sich während des Krieges gegen die Sowjets und die Kommunisten. Da war das Land befreit, aber es gab keine Zentralregierung, die etwas zu sagen gehabt hätte. Jetzt entstanden in vielen Gegenden Schulen, wo es früher keine gegeben hatte - auch Mädchenschulen. Die Menschen hatten nichts dagegen, daß ihre Kinder lesen, schreiben und rechnen lernten. Sie wollten nur nicht, dass sich in ihrer Gegend eine Schule als Agentur einer fernen Zentrale festsetzte und ihre Kinder mit dem Gedankengut der Modernisierer vollstopfte. Jetzt hatten engagierten Bürger aus der Gegend die Schulen gegründet, auch wenn in vielen Fällen ausländischen Organisationen bei der Finanzierung halfen. Jetzt konnte der Mullah, der Dorfälteste oder der Kommandant die Schule besuchen und überprüfen, was dort geschah.

Der Gegensatz zwischen den Modernisierern und den Konservativen prägte die blutige Geschichte Afghanistans im zwanzigsten Jahrhundert. 1929 wurde der König Amanullah, ein eifriger Reformer, unter tatkräftiger Hilfe des Klerus gestürzt. Unruhen und ein Bürgerkrieg folgten. 1978 putschten sich Modernisten an die Macht. Sie wollten Afghanistan noch schneller voranbringen. Ihr Vorbild war die Sowjetunion. Ihr Hass auf die "zurückgebliebenen" Landsleute drückte sich in ihrem brutalen Vorgehen gegen die "Konterrevolutionäre" aus. Allerdings verschonten sie auch Modernisierer nicht, die sich an China oder an den USA orientierten. Die Kommunisten konnten sich auf die Dauer nicht halten - selbst als ihnen die Sowjetunion zu Hilfe geeilt war. Von 1978 bis 2001 zogen sich Krieg und Bürgerkrieg hin. Von 1995 bis 2001 hatten die Taliban die Oberhand. Deren Hauptanliegen war es, die Sünden der Modernisierung in Afghanistan auszumerzen. Mit besonderem Sadismus nahmen sie sich der Rolle der Frauen an.

Afghanistan bemüht sich darum, wieder eine staatliche Ordnung aufzubauen. Hat man aus Fehlern gelernt? Vermeidet man sie diesmal? Ist man willens, eine Entwicklung anzustreben, die von der ganzen afghanischen Gesellschaft getragen werden kann?

Leider sieht es nicht danach aus. "Afghanistan muss wieder ein Zentralstaat werden." sagen alle relevanten Kräfte. "Sonst droht der Zerfall des Landes." - Eine Befürchtung, die man als langjähriger Beobachter nicht zu teilen vermag. Obwohl die Kabuler Regierung keine Kontrolle über große Teile des Landes hat, entscheidet sie über alles. Gegenüber durchaus kooperationswilligen regionalen Machthabern ist sie unflexibel. Wie einige andere Ministerien zelebriert das Erziehungsministerium bereits eine Zentralstaatlichkeit, auf die die selige Sowjetunion stolz gewesen wäre. Es ist nicht in der Lage, die groben Unzulänglichkeiten der Schulen in Kabul zu beseitigen. In den Gebieten außerhalb der Stadt, die die Regierung einigermaßen unter ihrer Kontrolle hat, können die Lehrer nicht besoldet werden. Dennoch bestimmt das Ministerium, wer dort arbeiten darf und wer nicht. Wenn ausländische Helfer solche Schulen unterstützen wollen, werden ihnen detaillierte Vorschriften gemacht. Baumaßnahmen sind z.B. nur erlaubt, wenn sie das Ministerium selber plant und Einfluss auf die Ausführung hat. Was das bei der inzwischen wieder hochentwickelten Korruption bedeutet, dürfte klar sein.

Auch geht der allergrößte Teil der Wiederaufbau- und Entwicklungshilfe in die Städte. Schon aus Sicherheitsgründen wagen sich viele ausländische Helfer nicht aufs Land hinaus. Programme, die Frauen helfen sollen, sind kurzatmig angelegt und zielen auf die Bedürfnisse der Geldgeber in den westlichen Ländern. Jede Hilfsorganisation bemüht sich darum, etwas "für Frauen" vorzuweisen - in den Städten natürlich. Draußen auf dem Land ist es nicht nur gefährlich. Dort wüsste man einfach nicht, wie man an die Frauen herankommt. Auf keinen Fall könnte man dort schnell mit Erfolgsziffern glänzen. Nach allem bisher gesagten ist aber klar, dass die Förderung von Frauen in den Städten kein Beitrag zur friedlichen Fortentwicklung der afghanischen Gesellschaft ist.

Eine Weiterentwicklung, die eine Aussöhnung der Gesellschaft anstrebt, muß auf dem Land ansetzen. Dazu ist ein langer Atem nötig. Eine Schlüsselrolle spielen die Schulen. Kinder auf dem Land müssen die gleichen Chancen haben, einmal studieren zu können, wie Kinder in der Stadt. Dann können sich auch Ärzte oder Unternehmer auf dem Land niederlassen. In den meisten Gebieten ist die Landbevölkerung nicht gegen Schulen eingestellt. Auch Mädchenschulen sind erwünscht. Allerdings muss man daran zweifeln, dass das Erziehungsministerium diese Haltung der Menschen zu nutzen versteht.

Mädchenschulen sind Tore durch die die Berufstätigkeit von Frauen das Land erreichen kann. Eltern lassen ihre Töchter lieber von Lehrerinnen unterrichten als von Lehrern. Wenn die Landbevölkerung erlebt, dass Frauen aus ihrer Gegend als Lehrerinnen beruflich arbeiten, ohne dabei der Sünde anheim zu fallen, wird sie auch gegenüber anderen Tätigkeiten von Frauen aufgeschlossener sein. Außerdem ist es denkbar, daß Lehrerinnen, die das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen haben, dabei mitarbeiten, Mikrokredit-Programme zu organisieren. Dabei werden Kleinstkredite an Familien vergeben. Diese dienen dem Aufbau zusätzlicher Erwerbsquellen (Eierproduktion, Bienenhaltung, Handarbeiten, ...). Mikrokreditprogramme leben meist von der Mitarbeit der Frauen. Diese wachsen dadurch in eine aktivere Rolle im Wirtschaftsleben hinein.

Peter Schwittek (2003)