Früher Steilkurs in Landeskunde

1973 hatte ich gerade begonnen, in Afghanistan zu arbeiten, als der König Zaher Shah von seinem Vetter Mohammad Daud gestürzt wurde. Afghanistan wurde Republik. Wir hatten einen Koch und Hausmann namens Khodabakhsch eingestellt. Khodabakhsch hatte sich gerade von seiner Frau getrennt. Es sieht so aus, als ob ihn seine Frau verlassen hat. Die Dame war - um es höflich zu sagen - ausgesprochen schwierig. Doch darüber soll hier nicht gerichtet werden. Jedenfalls stand er mit zwei Kleinkindern alleine da und sah sich gezwungen, schnell eine neue Partnerin zu finden. Keine zwei Monate danach heiratete er ein sehr junges Mädchen, das kurz zuvor mit ihren Eltern vom Land nach Kabul gezogen war.

Sechs Wochen später kam er aufgeregt zu uns. Er müsse für ein oder zwei Wochen untertauchen. Er schicke uns seinen Bruder als Ersatzmann. Das wollte ich genauer wissen. Er berichtete, daß ein Mann aus der Heimat seiner jungen Frau gekommen sei und behaupte, er sei schon zuvor mit dieser verheiratet gewesen. Ich hatte Khodabakhschs Schwiegervater kennen gelernt – ein ausgemachtes Schlitzohr. Außerdem war ich zu diesem Zeitpunkt mit manchen Landessitten schon etwas vertraut. Ich vermutete, daß der Schwiegervater seine Tochter dem anderen Mann in der Heimat verkauft habe, dann in die Stadt gezogen sei und sie Khodabakhsch ebenfalls vermacht habe. Khodabakhsch wollte diese Möglichkeit nicht ausschließen.

Was war zu tun? Ich fragte Khodabakhsch, ob er keine Papiere über die Trauung habe. Die habe er schon. Allerdings habe die neue Regierung ein neues Formular für die Eheschließung vorgeschrieben. Das sei riesengroß und beide Ehepartner müßten dort alle zehn Finger aufdrücken. Der Mullah habe ihm aber nur ein altes Formular ausgefüllt. Da hätte man nur je einen Daumenabdruck abliefern müssen. Wahrscheinlich war das eine Kostenfrage. Ich wollte wissen, ob denn der Konkurrent das vorgeschriebene Formular vorweisen könne. Nein, der habe überhaupt nichts Schriftliches.

„Na also! Dann bist Du doch fein raus. Dann geh doch einfach zur Polizei und leg denen das Papier vor! Die können doch den Mullah anrufen, der Dich getraut hat. Der wird bestätigen, daß Du rechtmäßig verheiratet bist. Khodabakhsch schüttelte über soviel Naivität den Kopf. „Weißt Du, was passiert, wenn ich mich bei der Polizei zeige? Die verhaften uns beide, weil wir beide illegal verheiratet sind - der, weil er garkeine Papiere hat und ich, weil ich nicht die richtigen Papiere habe. Dann werden wir jeden Nachmittag verprügelt, wenn wir uns nicht mit 20 oder 50 Afghani freikaufen. Und wir bleiben inhaftiert, bis unsere Familien genug Geld bei der Polizei abliefern. Deswegen darf ich mich nicht von denen zu Hause finden lassen. 20 bis 30 Freunde gehen täglich auf die Wache und erzählen den Polizisten, daß ich ein guter Mensch bin und daß sie alle auf meiner Hochzeit Reis gegessen haben. Aber ich selber darf mich der Polizei nirgends zeigen. Ich muß verschwinden, bis sich alles beruhigt hat.“

„Früher, unter dem König, war es einfach,“ fuhr er fort „Da wußte man, was man einem Polizeioffizier unter dem Tisch zuschieben mußte, um seine Ruhe zu bekommen. Aber das neue Regime macht soviel Propaganda gegen die Korruption, daß niemand mehr weiß, woran er ist. Wahrscheinlich muß man heute mehr aufwenden. Vielleicht wird man aber auch verhaftet, wenn man es versucht.“

Ich meinte, daß es im Grunde richtig sei, daß die Regierung die Korruption unterbinden wolle. Sonst bekäme ja nur der Recht, der mehr Geld hat. Khodabakhsch sah mich fassungslos an. Dann meinte er sehr ernst: „Daran besteht ja wohl kein Zweifel, daß ich mehr Geld habe als der.“

Er tauchte tatsächlich unter und nach zwei Wochen wieder auf. Der Widersacher hatte eine Abfindung erhalten und war in seine Heimat zurückgekehrt.