Rundbrief über Roya

Rundbrief über Roya

Liebe Freunde,

dieser Rundbrief beschäftigt sich nur mit Roya. Es wird höchste Zeit, dass wir unseren zahlreichen Spendern erläutern, wie der Stand der Dinge ist. Außerdem soll ein kleiner Einblick in das Leben von Roya und ihrer Familie versucht werden.

 

Der Stand der Bemühungen um Roya

Ihr Engagement, liebe Freunde, war überwältigend. Bis zum 21.1. haben wir 20 386,83 € für Roya erhalten. Da die Spenden auf dem gleichen Konto eingingen, das OFARIN als allgemeines Spendenkonto dient, konnten wir weitere 3 520,78 € nicht eindeutig zuordnen. Da wissen wir also nicht genau, ob dieses Geld auch für Roya gespendet wurde. Wir werden auch dieses Geld für Roya bereithalten, bis sich das Ende ihrer Behandlung absehen lässt. Sollte dann von den 3 520,78 € noch etwas übrig sein, werden wir es für OFARIN verwenden. Sollte darüber hinaus die 20 386,83 € nicht ganz für Roya ausgegeben sein, werden wir Ihnen eine Verwendung des restlichen Geldes vorschlagen. Denjenigen, die mit diesem Vorschlag nicht einverstanden sind, werden wir Ihre Spende zurückerstatten, soweit das verbliebene Geld reicht.

 Inzwischen haben wir die 9 196,25 €, die uns das Universitätsklinikum Großhadern für die Behandlung in Rechnung stellt, an das Krankenhaus überwiesen. Die Klinik wird uns dafür bescheinigen, dass sie bereit ist, die Behandlung zu übernehmen und dass die Kosten der Behandlung gedeckt sind. Damit kann ich mich – ich bin inzwischen wieder in Kabul – an die Visa-Stelle der Deutschen Botschaft wenden und ein Visum für Roya und ihren Vater Hekmat beantragen. Die Visa-Stelle ist chronisch überlastet, und es werden noch einige Formalitäten nötig sein. Sobald diese Dinge halbwegs geklärt sind, können wir mit der Klinik in Großhadern einen Termin für Royas Behandlung vereinbaren und den Reisetermin festlegen.

Wir sollten nicht nur die lästigen Hindernisse sehen, die noch vor uns liegen. Der wichtigste Schritt ist getan. Es ist so viel Geld gespendet worden, dass die gesamte Behandlung und alle Reise- und Nebenkosten. nach menschlichem Ermessen abgedeckt sind. Darüber können wir uns freuen.

 

Karabagh

Hekmat ist der Vater von Roya. Er arbeitet bei uns, also in OFARINs Büro, als Türwächter. Auch wir, meine Frau Anne Marie und ich, leben in diesem Büro. Wenn jemand klingelt, geht Hekmat an die Tür und lässt ihn rein oder auch nicht. Unsere Türwächter sind nicht bewaffnet. Hekmat hat zu Hause eine kleine Landwirtschaft, vorwiegend Weinstöcke. Er sorgt auch für unseren Garten. Bei allen anliegenden Arbeiten packt er mit Umsicht und Tatkraft an. Er ist nur vier Jahre in eine Dorfschule gegangen. Viel gelernt hat er nicht. Dann begannen Unruhen und Krieg und die Schule wurde geschlossen. Vor drei Jahren hat OFARIN einen Alphabetisierungskurs für eigene Mitarbeiter durchgeführt. Da hat Hekmat lesen und schreiben gelernt. Er hat auch viel Sinn fürs Rechnen. So etwas geht den meisten Menschen ab, die nicht oder kaum in die Schule gegangen sind. Die Türwächterei erfordert die permanente Anwesenheit. Damit Hekmat seine Familie ab und zu sehen kann, haben wir zwei Türwächter, die sich abwechseln. Der andere Türwächter ist Nabi. Der versteht etwas von der Elektrikerarbeit.

Hekmats Familie lebt im Kreis Karabagh, nördlich von Kabul. Um dort hinzukommen, muss er über eine Stunde mit einem öffentlichen Bus bis in die Kreisstadt fahren, die auch Karabagh heißt. Wenn er aus dem Bus ausgestiegen ist, muss er noch eine Stunde über Feldwege laufen, bis er sein Haus erreicht. Diese Anreise kostet Zeit und Geld. Hekmat kommt deshalb nicht täglich. Er hat sich mit Nabi geeinigt. Jeder von ihnen bleibt drei volle Tage als Türwächter bei uns. Die anderen drei Tage hat er frei. Nabi wohnt zwar in Kabul, braucht aber auch eine gute Stunde von seiner Wohnung bis zu unserem Büro.

Karabagh liegt in einer weiten fruchtbaren Ebene, die Schomali heißt. Sie erstreckt sich hinter einer Kette von kleineren Bergen im Norden von Kabul über 80 km bis an den Fuß des Hindukusch. Hier wird viel Obst angebaut, insbesondere Wein, Aprikosen und Maulbeeren. Der Wein wird als Obst verkauft oder zu Rosinen getrocknet. Die Einwohner von Schomali sind überwiegend Tadschiken, die Dari sprechen. Es gibt aber auch eine Minderheit von Paschtunen, die Paschtu sprechen. Im allgemeinen verträgt man sich, obwohl diese ethnischen Unterschiede von einigen politischen Gruppierungen in den Auseinandersetzungen der letzten Jahrzehnte aufgebauscht und ausgenutzt wurden. Als die Taliban in Kabul an der Macht waren, konnten sie einen Teil des Schomali erobern. Den anderen Teil behaupteten ihre Feinde von der Nordallianz, die ihr Zentrum im Pandschirtal hatten, das nördlich des Schomali liegt. Es gab immer wieder heftige Kämpfe, bei denen Teile des Schomali von den einen erobert und von den anderen zurückerobert wurden.

Hekmat ist Paschtune. Er hat sich einen realistischen Blick bewahrt. Wenn irgendwo ein Verrückter öffentlich einen Koran verbrennt, nutzen das Radikale, um die Moslems gegen Andersgläubige aufzuputschen. In Afghanistan beginnen entsprechende Unruhen meist mit einigen Tagen Verzögerung. Die Agitatoren müssen erst einmal anreisen. Auch rufen die meisten Mullahs dazu auf, die Ruhe zu bewahren und es bei Demonstrationen nicht zu übertreiben. Wenn Hekmat von einer Koranverbrennung hört, sagt er nur: „Was regen sich die Leute darüber auf? Während des Krieges haben die Taliban etliche Moscheen in Brand gesetzt. Da sind Hunderte von Koranen verbrannt.“

Wie alle Afghanen sind die Bewohner des Schomali nicht immer friedfertig. Die staatlichen Gerichte und die Polizei sind korrupt und unzuverlässig. Jeder muss bereit sein, sich sein Recht auf eigene Faust zu verschaffen. Jede Familie muss ihrer Umgebung immer wieder zeigen, dass sie in der Lage ist, sich zu wehren, wenn es sein muss.

Es gab Unruhen in Kabul und einigen anderen Orten, wahrscheinlich wieder mal wegen einer Koranschändung. Auch aus dem Zentrum des Ortes Karabagh wurde ein Bombenanschlag mit Toten gemeldet. Wir rätselten. Solche Meldungen kamen sonst nie aus dieser Gegend. „Nun ja,“ meinte einer der Kollegen, „der Kriegsfürst Hekmatyar hatte in Karabagh immer eine gewisse Anhängerschaft. Wahrscheinlich stecken die dahinter.“ Hekmat war zu Hause. Als er wieder zur Arbeit kam, fragten wir ihn, ob er wisse, welchen Hintergrund dieser Anschlag hatte. „Ach,“ sagte er „das hat nichts mit der allgemeinen Politik zu tun. Das sind zwei verfeindete Familien aus meiner Gegend. Die eine wollte zu einer Hochzeit fahren und hatte sich dazu einen Bus gemietet. Da haben die anderen den Bus mit Familie in die Luft gesprengt.“

 

Krankenhausbesuche

Wo immer man in Afghanistan genug Holz für Deckenbalken hat, baut man Häuser mit Flachdächern. Auf solchen Dächern kann man arbeiten. Man kann Obst zum Trocknen ausbreiten. Kinder können dort spielen. Insbesondere können Jungen von dort aus Drachen steigen lassen. Mädchen dürfen dabei allenfalls helfen. Ab und zu fällt ein Kind von solch einem Dach. So geschah es Ismail, dem damals vielleicht dreijährigen Sohn von Hekmat. Er brach sich dabei den Kiefer doppelt. Hekmat brachte den Jungen ins Krankenhaus nach Kabul. Auf dem Land gibt es auch Ärzte, vor allem solche, die sich als Ärzte bezeichnen, aber keine entsprechende Ausbildung haben. Auch muss Hekmat so etwas persönlich regeln. Seine Frau verlässt das Haus nicht. Sie geht auch nicht einkaufen. Hekmats Sohn ist noch viel zu klein, um jemanden in ein Krankenhaus zu bringen. Hekmats Vater ist zu alt. Deswegen kommt auch nur Hekmat als Begleitperson in Frage, wenn Roya in Deutschland behandelt werden soll. Hekmat arrangierte sich damals irgendwie mit Nabi, denn er musste oft zu seinem Sohn ins Krankenhaus. Die Behandlung von Ismailließ sich gut an.

Ein paar Tage später war Id, eines der beiden großen Feste des Islam. Das dauerte drei Tage. Die Arbeit war so verteilt, dass Hekmat die ersten beiden Tage frei hatte. Nabi freute sich darauf, wenigstens den dritten Feiertag mit seiner Familie zu verbringen. Er war an diesem Morgen schon bereit, unser Büro zu verlassen und wartete nur darauf, dass Hekmat eintraf. Da rief Hekmat an. Er müsse ins Krankenhaus und könne nicht zur Arbeit kommen. Nabi solle mich auch informieren. Nabi war stocksauer. Der wolle doch nur noch einen Festtag mehr zu Hause verbringen. Auch ich war verärgert. Hekmat könne ohne meine Erlaubnis nicht einfach wegbleiben und alles dem Kollegen überlassen. Das hat man Hekmat wohl gesteckt. Jedenfalls rief der mich dann auch an. Ich erklärte ihm, dass ich darauf bestehe, dass er zur Arbeit kommt. Er könne mir nicht erzählen, dass man ihn jetzt plötzlich wegen einer Nachuntersuchung des Sohnes ins Krankenhaus bestellt habe. Das hätte er vorher wissen müssen. Und an einem Feiertag tut sich in einem Krankenhaus ohnehin nichts. Hekmat antwortete, dass die Sache unvorhersehbar und unaufschiebbar war. Als ich das nicht einsah, schlug er vor, einen zuverlässigen Ersatzmann zu schicken. Dem stimmte ich zu. Der Ersatzmann erschien bald. Es war ein naher Verwandter. Der erklärte uns die Geschichte: Hekmats Frau erwartete ein Kind und musste ins Krankenhaus. Schwangerschaften und Geburten sind mit so viel Scham behaftet, dass Hekmat weder den Kollegen noch mir davon erzählen konnte. Der Verwandte konnte das. Wir lachten. Nabi schickte den Verwandten nach Hause. Unter diesen Umständen vertrete er Hekmat natürlich gerne. Hekmats Frau gebar zwei Mädchen, Rona und Roya.

Für uns ist diese Verschämtheit in Sachen Schwangerschaft und Geburt unverständlich. Aber auch in Afghanistan gibt es Unterschiede. Vielleicht ist man in manchen Kreisen in Kabul etwas offener. Aber es gibt andere Provinzen, in denen es noch viel finsterer aussieht als im Schomali. Einige Entwicklungshelferinnen arbeiten im Wakhan. Das ist der dünne Korridor, der im Nordosten Afghanistans zwischen Tadschikistan und Pakistan bis an China heranreicht. Dort ist die Schwangerschaft und die Geburt dermaßen mit Tabus belegt, dass man dieses schmutzige Geschäft der Frau allein überlässt. Die darf darüber nicht sprechen und zieht sich zur Geburt in einen Schuppen zurück, wo sie sehen muss, wie sie zurecht kommt. Viele Frauen kommen dabei um.

 

Roya

Hekmats Familie lebt in einer Qala. Eine Qala ist eine Lehmburg, ein relativ großes rechteckiges Areal das von einer mehrere Meter hohen Mauer umgeben ist. Innerhalb der Mauern befinden sich einige Häuser. Der größte Teil des Anwesens ist aber nicht bebaut. Da gibt es manchmal ein kleines Gärtchen. In einer Ecke der Qala wird Brennholz gestapelt. Ein paar Hühner laufen herum, manchmal auch Ziegen oder sogar eine Kuh. Innerhalb der Qala können sich die Frauen der Familie frei bewegen. Sie können ja von Fremden nicht gesehen werden. Die Qala verlassen sie selten, meist nur zu großen Familienfeiern oder zum Besuch ihrer Eltern.

Die Häuser in Qalas sind verschieden groß. In der Qala, in der Hekmats Familie lebt, stehen nur kleinere Häuschen, in denen die Familien von ihm und seinen drei Brüdern leben. Hekmats Familie teilt sich mit seinen Eltern ein Haus mit drei Räumen. Hekmats Vater besitzt ein Stück Land, auf dem er und Hekmat ein etwas größeres Haus für sich bauen wollen. Bisher fehlt das Geld dazu.

Roya hat außer Rona noch eine Schwester Homa, die drei Jahre alt ist. Ismail ist der einzige Bruder. Spielzeug haben die Kinder keins. Ismail treibt sich, wenn es wärmer ist, auch schon mal mit anderen Jungen außerhalb der Qala herum. Jetzt im Winter geht er in die Moschee und lernt dort etwas über seine Religion. Draußen im Freien ist es kalt und es liegt recht hoch Schnee. Im Winter gehen viele Kinder in die Moschee. Ismail wird wohl im nächsten Jahr eingeschult werden. Seine Schule liegt ziemlich weit weg. Ein Erwachsener braucht 45 Minunten für den Weg von der Qala bis zur Schule.

Afghanen haben meist keine Betten. Mit Bauwolle gefüllte Matratzen liegen auf dem Boden. Tagsüber sitzt man darauf. Nachts schläft man darauf. Roya liegt Tag und Nacht auf solch‘ einer Matratze. Sie kann ja nicht sitzen. Sie hat Schmerzen und weint nachts oft. Ihre Beine und die Füße sind etwas verdreht. Sie hat Schutzhaltungen angenommen. Sie ist auch deutlich abgemagert, während sich Rona prächtig entwickelt hat.

 

Kabul, 23.1.2013               Peter Schwittek