Roia 18.06.2013

Roia – Rundbrief aus Kabul

Roia war in München zur Nachoperation. Ihr wurde der Gips entfernt und Eisenteile, die man zur Stabilisierung eingebaut hatte. Alle wunderten sich, wie sehr sich das Kind seit der ersten Operation entwickelt hatte. „Gefühlt“ hat sie inzwischen das doppelte Volumen. Vorgesehen war, dass man Roia nun ein Gestell anpasst, das ihre Beine in der Position hält, die sie auch im Gips einnahmen. Das sollte sie drei Monate lang tragen. Roias Knochen waren zum Zeitpunkt der Operation nämlich sehr weich, so dass man glaubte, die Beine nach der Nachoperation noch länger nicht belasten zu können. Jetzt ist das überflüssig. Roia ist kräftig. Die Knochen sind hart. Ja, die Ärzte in Großhadern sind sogar damit einverstanden, dass die Physiotherapie, die auf jeden Fall notwendig ist, in Würzburg durchgeführt wird. Vorher bestanden die Münchener darauf, das selber zu machen, weil man andernorts Roias spezielle Schwächen nicht gut genug kennt.

Die Physiotherapie hat inzwischen begonnen. Roia muss dazu gebracht werden, ihre Beine auszustrecken. Die Spreizhaltung in der die Beine bisher fixiert waren, ist für die Muskulatur und für Roias Vorstellung das Normale. Es wird noch eine Weile dauern, bis sie die Beine normal ausstreckt und noch etwas länger bis sie läuft. Hekmat muss einiges von der Roya bei der KrankengymnastikTherapeutin lernen, was er mit Roia noch in Afghanistan anstellen muss.

Der Aufenthalt von Roia und Hekmat in Deutschland nähert sich seinem Ende. Es wird nicht nötig sein, sich um die Verlängerung ihrer Visa zu bemühen. Wir haben sicher auf Roia Rücksicht nehmen müssen. Manches ist während dieses Heimataufenthaltes nicht erledigt worden. Aber Roia hat uns auch viel Freude bereitet. Fröhlichkeit ist ihre Grundstimmung. Sie hat viele Fortschritte gemacht, und wir waren jedesmal stolz darauf. Wir lernen viel über das Leben von Kindern in einer normalen afghanischen Familie auf dem Land. Hekmat ist ein sehr angenehmer Gast. Er kocht meist das Essen und putzt die Küche, das Wohnzimmer und die Treppen. Und er hat endlich mal unsere Haustür abgebeizt, so dass sie frisch gestrichen werden konnte. Was ich hier von mir gebe, ist der Abgesang auf das Gastspiel von Roia und Hekmat. Ich bin nämlich nicht mehr der Gastgeber der beiden. Ich war schon ausgereist, als der Gips abgenommen wurde.

Die größte „Last“ dieses Einsatzes für Roia trug und trägt Anne Marie. Die war schon vor einem Jahr mit Roia und Hekmat in der Kabuler Rot-Kreuz-Klinik. Sie hat für beide die Visa erkämpft. In Deutschland war sie für Roia die Mutter. Anne Marie kann dem Kind jede Medizin zumuten, ohne dass es Geschrei gibt. Jetzt muss sie noch für den Heimtransport der beiden sorgen. Das wird nicht einfach. Hekmat kann weder Englisch noch Arabisch, das man in Doha und Dubai braucht. Anne Marie will mit den beiden nach Kabul kommen. Aber die afghanischen Behörden haben die Visa-Vergabe für Leute wie uns erheblich erschwert.

Wir haben sehr viel Unterstützung und Anerkennung erfahren. Ich bin nachdenklich geworden, wie dieser Einsatz für Roia von unseren Mitmenschen gesehen wird. Die kommen spontan auf uns zu und erzählen uns, wie toll wir das machen und sparen nicht mit materieller Unterstützung. Hier in Afghanistan fällt das Echo nicht anders aus. Viele Menschen Roja bei der Krankengymnastikerzählen, was für eine großartige Hilfe unser Einsatz für Roia und ihre Familie ist. Wir kämen sicher ins Paradies. Ich muss dann immer an unsere eigentliche Arbeit hier denken. Wir bringen inzwischen mindestens 6000 Menschen lesen, schreiben und rechnen bei. Das alles scheint für die Mitmenschen blass und grau zu sein verglichen mit dieser Aktion für die Gesundheit eines kleinen Kindes. Bitte verstehen Sie das nicht falsch! Das ist keine Mäkelei, nur eine Bobachtung. Wir wollen nicht auch noch mit Lob für unseren Einsatz für die elementare Schulbildung überschüttet werden – gegen materielle Unterstützung dieses Tuns haben wir allerdings nichts. Aber der Unterschied in der Bewertung unseres Tuns ist verblüffend.

Für uns sieht das anders aus. Wir haben hier wie da das getan, was anlag. Wir hätten weder unser Schulprogramm noch die Behandlung von Roia ohne die Unterstützung anderer Menschen und befreundeter Organisationen durchführen können. Wir strengen uns weder für die Schulen noch für Roia mehr an als normale Bürger in ihrem Beruf oder in ihrem Privatleben. Nun schön, vor Kurzem war es in Kabul so heiß, dass es kaum erträglich war. Aber viele Landsleute nutzen ihren Jahresurlaub, um solche Hitze zu „genießen“. Wir tun hier also nichts wesentlich anderes als die meisten von Ihnen auch. Vielleicht ist es etwas anregender hier.


Kabul, 17.6.2013 Peter Schwittek