Roya 26.07.2013

Liebe Freunde,

natürlich geht es zuerst um Roia. Das war ja versprochen. Roia ist wieder in Afghanistan. Sie kann, sofern sie sich festhalten kann, seitwärts laufen und auch schon ein ganz klein wenig vorwärts. Das geht noch breitbeinig und unbeholfen. Die Ärzte haben gesagt, dass sich die Kinder das richtige Laufen selber erarbeiten. Aber Hekmat, der Vater, übt mit seiner Tochter brav durch, was er von Frau Lamm, der Physiotherapeutin, in Deutschland gelernt hat. Allerdings ist Hekmat nur immer drei Tage bei seiner Familie und drei Tage in unserem Büro in Kabul. Es gibt die Möglichkeit, beim Roten Kreuz in Kabul weitere Physotherapie-Stunden zu nehmen. Das wird auch geschehen. Aber es eilt nicht. Es ist Ramazan und furchtbar heiß. Vor allem wollen wir das Kind nicht zu uns nach Kabul holen. Roia ist nämlich noch lange nicht zu Hause „angekommen“. Ihre Mutter kann ihr nicht die Zeit an Zuwendung bieten, die sie in Deutschland von ihrem Vater und uns hatte. Die gute Frau hat noch mehr Kinder zu versorgen und dazu noch ihre alten Schwiegereltern. So hadert Roia noch mit ihrer Mutter. Auch ihre Geschwister haben zu leiden. Die Kleider und das Spielzeug, das man ihr und ihrer Familie in Deutschland geschenkt hat, verteidigt sie als ihr Eigentum. Wenn ihre Geschwister sich daran vergreifen, beißt sie die. Sie wird noch Zeit brauchen, bis sie wieder richtig zu Hause ist. Vorher wollen wir sie nicht nach Kabul holen, auch nicht zur Physiotherapie. All das war zu erwarten und ist ganz natürlich. Roia ist auf dem richtigen Weg.

Abrechnen müssen wir auch noch. Das wird frühestens klappen, wenn wir wieder zu Hause sind – nicht vor September.

Wenn ich sehe, was wir im letzten Jahr für Rundbriefe geschrieben haben, so scheint sich das ganze Tun von OFARIN um Roia gedreht zu haben. Keine Frage: Roia hat uns und einige Freunde sehr beschäftigt. Wir haben auch viel Freude dabei gehabt. Aber es wird Zeit, dass wir die Verhältnisse, unter denen OFARIN arbeitet, wieder so darstellen, wie sie sind. Dem dient der Rest dieses Rundbriefes. Außerdem ist ein weiterer Rundbrief fertig, der sich mit der politischen Lage beschäftigt. Der wird in etwa einer Woche verschickt werden. Jürgen, der für den elektronischen Versand der Rundbriefe zuständig ist, warnt mich immer: „Mach die Rundbriefe nicht zu lang! Wir sollten lange Rundbriefe lieber teilen und zwei Rundbriefe versenden. Sonst liest das ja doch keiner.“ Vermutlich hat er recht. Also im folgenden Rundbrief steht vermutlich nichts über Roia.

Roia und sonst?

OFARIN hat im Moment 361 Unterrichtseinheiten (vulgo: Schulklassen). Für diese haben wir  7738 Schüler registriert. Wir legen großen Wert auf Anwesenheit. Schüler, die mehr als fünf Mal im Monat fehlen, müssen den Unterricht verlassen. Daher ist die Anzahl der Schüler, die dem Unterricht ernsthaft folgen, nicht wesentlich geringer als 7738. Das ist weit mehr als wir erwartet hatten, als wir uns endlich dranmachten und die Schülerzahl bestimmten.  

Von den 361 Klassen gehören 325 mit 7062 Schülern zum elementaren Schulunterricht und 26 mit 676 Schülern zum Vorschulunterricht. Von den 7062 Schülern im normalen Schulunterricht sind – geben wir es gleich zu! – nur 3099 Mädchen und Frauen und 3963 Jungen. Wir hatten Misereor, dem Geldgeber dieses Programmes, zugesagt, dafür zu sorgen, dass mehr weibliche als männliche Schüler diesen Unterricht besuchen. Das ist nicht gelungen. Natürlich können wir nirgends sagen: Wir nehmen keine Jungen als Schüler an. Aber durch die Auswahl der Orte kann man die Anzahl von Schülerinnen und Schülern doch etwas steuern. Darauf  haben wir nicht genug geachtet. Vielleicht tröstet es, dass auch die Zahl der Frauen und Mädchen unsere Erwartungen deutlich überstiegen hat. Und außerdem sind von den 676 Vorschülern 450 Mädchen – und in den Vorschulen liegt die Zukunft.

Es sind nicht nur diese Zahlen, die zeigen, dass Roia nicht der Mittelpunkt von OFARINs Arbeit ist. Die Nachfrage nach unserem Unterricht steigt und steigt. Egal welchen Unterricht wir in einer „unserer“ Moscheen besuchen, es sitzen immer mindestens 50 Kinder dort, die hoffen, dass wir bald eine neue Klasse eröffnen, die sie dann besuchen können. Aus verschiedenen Stadtteilen kommen Kommissionen und bitten darum, dass wir in ihrer Gegend auch etwas eröffnen. In Pandschir haben wir das erste Mal Wurzeln geschlagen. Das Seminar, das wir im Winter für die dortigen Lehrer durchgeführt haben, hat die Teilnehmer beeindruckt. Die haben begriffen, dass wir es ernst meinen. Zuvor hatte man wohl vermutet, dass wir es so halten, wie die anderen Organisationen, die sich dort bereits mit Erziehungsprogrammen versucht hatten: Zum Anfang Geschenke für die Teilnehmer; einige sehr gut bezahlte Lehrer, die eine Weile lang so tun als ob, die aber nicht kontrolliert werden; und dann ein relativ schnelles Ende. Jetzt kommen die Menschen aus den höher gelegenen Tälern und bitten uns, auch zu ihnen zu kommen. Die Beamten unseres Partnerministeriums berichten von Anfragen aus mehreren Provinzen jenseits des Hindukusch. Wir müssen alle Bittsteller immer wieder hinhalten: Wir werden gerne kommen, sobald große Geldgeber wie der Global Fund daran interessiert sind, dass die Menschen in Afghanistan etwas lernen, und uns unterstützen.

Sie sehen, unsere Berichterstattung über Roia hat ein verzerrtes Bild von OFARINs Arbeit geliefert. Aber was sollten wir tun? Wir wurden mit dem Schicksal dieses Kindes konfrontiert. Der Vater, einer unserer Mitarbeiter, hatte sich an uns gewandt. Anne Marie begleitete Vater und Tochter zum Roten Kreuz. Wir machten uns über die Krankheit kundig. Es ging nicht um Leben oder Tod. Es ging darum, ob Roia einmal das Leben einer normalen Afghanin führen kann oder ob sie ständig ihrer in bescheidenen Verhältnissen lebenden Familie zur Last fallen wird. Wir haben entschieden, das zu tun, was dem Kind am ehesten helfen konnte. Um das Geld, das wir für diesen Zweck von den Mitmenschen erhielten, mussten wir werben. Dabei haben uns Freunde und OFARINs Rundbrief-Verteiler geholfen. Es kann sein, dass wir einige Folgen einer falsch behandelten Hüftluxation zu dramatisch dargestellt haben. Das lag am mangelnden medizinischen Wissen. Wir haben das damals so geglaubt, wie wir es beschrieben haben. Und wir mussten versprechen, über Roia regelmäßig zu berichten.

Ich rechtfertige unser Tun hier so ausführlich, weil einige von Ihnen geschrieben haben, dass sie unser Engagement für Roia für ein Abweichen von unseren eigentlichen Zielen hielten. Es sah wohl so aus, als ob wir unsere Aktivitäten verlagern wollten, weil es für die Behandlung von Kindern in Deutschland mehr Spenden gibt. Das war nicht die Absicht. Wir bleiben unserem Erziehungsprogramm treu. Die Arbeit für Erziehung und Bildung ist das Beste, was man für Afghanistan tun kann. Wir sind aber auch sicher, dass wir für Roia richtig gehandelt haben. Wir sind überzeugt davon, dass die Operation in Afghanistan nicht erfolgreich gewesen wäre. Die Tatsache, dass die Ärzte während der Operation feststellten, dass Roias Knochen sehr weich sind, bestätigen uns in dieser Überzeugung.

Dennoch muss ich mich immer noch über den Widerhall wundern, den die Aktion Roia hatte. Viele Menschen unterschreiben das sofort, was ich über die Wichtigkeit der Erziehung sagte. Doch das, was OFARIN in Afghanistan tut, ist ihnen ziemlich egal. Aber Roias Schicksal und unsere Bemühungen um sie, haben sie tief beeindruckt. Auch die meisten Afghanen reagieren so. Sie erklären, dass es ohne Bildung nicht aufwärts gehen kann. Doch das ist es schon. Aber Roia – das finden sie toll.

Bei unseren afghanischen Partnern habe ich etwas Ähnliches beobachtet. Wir geben in einer Moschee Unterricht. Das ist in Ordnung. Da hat keiner etwas dageben, denn ohne Bildung geht es ja nicht aufwärts. Es ist eng und laut in dieser Moschee. Unsere Geldgeber und die deutsche Botschaft unterstüzen uns dabei, diese Moschee aufzustocken. Sie wird jetzt sogar von einer großen Kuppel gekrönt. Das kommt an. Die Gemeinde fühlt sich als Gemeinschaft. Die Menschen kommen über die Straße und bedanken sich bei uns. Und der Unterricht? – Ja, der ist in Ordnung. Macht ruhig weiter! Bildung ist nämlich sehr wichtig.

Muss es dabei bleiben, dass Schulunterricht als äußerst wichtig erkannt, aber dennoch als grau und langweilig empfunden wird? Vielleicht haben Sie Vorschläge, wie man der Öffentlichkeit mehr Interesse für unseren Schulunterricht abringt.

Kabul 26.07.2013                          Peter Schwittek